08 Gemeinschaft
09.04.18

„Der Zusammenhalt in einer Gesellschaft ist förderlich, wenn er offen für Neue bzw. Neues ist.“

Interview mit Franz Scharl

Franz Scharl betont, dass plurale multikulturelle Gesellschaften ein erkennbares aktives Einbringen gelebter Solidarität brauchen. Zudem benötigen sie Klarheit über einige überlebensnotwendige Grundannahmen wie, dass alle Menschen die gleiche Würde haben und es mindestens eine Sprache gibt, welche alle verstehen bzw. sprechen.

Wie definieren Sie persönlich Zusammenhalt in einer Gesellschaft?

Ich übersetze Zusammenhalt mit Zusammenhalten bzw. Zusammenhelfen. Ohne Zusammenhelfen ergibt sich zwangsläufig eine Minderentwicklung im persönlichen Bereich, in überschaubaren Gemeinschaften und in unübersichtlicheren Konstellationen.

Was unterscheidet Ihrer Meinung nach eine nicht-solidarische Gesellschaft von einer solidarischen?

Eine nicht-solidarische Gesellschaft ist wohl eine Gesellschaft, in der keine Ausbalancierung der verschiedenen sozialen, ökonomischen, ökologischen, wissenschaftlichen, technischen, aber auch spirituellen Asymmetrien angepeilt wird.

Von welchen Faktoren hängt Zusammenhalt in einer Gesellschaft ab?

Vom Willkommensein. Davon, seine Talente einbringen zu können; Verantwortung übernehmen zu dürfen; sachorientiert auf Augenhöhe zu kommunizieren; Rückfragen stellen zu können. All das sind konkrete Übersetzungen von Zusammenhalten.

Sind plurale Gesellschaften, die besonders multikulturell geprägt sind, stärker gefährdet, ihren Zusammenhalt zu verlieren?

Plurale multikulturelle Gesellschaften brauchen erkennbar ein anspruchsvolleres aktives Einbringen gelebter Solidarität, ebenso wie sie Klarheit über wenige, aber überlebensnotwendige Grundannahmen brauchen: zum Beispiel die Annahme, dass alle Menschen von gleicher Würde sind. Und dass MINDESTENS eine Sprache zu sprechen ist, die alle verstehen bzw. sprechen können; aber auch die nachhaltige Bereitschaft, einander immer wieder aufzuhelfen.

Welche Rolle spielt Kultur für den Zusammenhalt?

Sie spielt eine grundlegende Rolle. Kultur übersetze ich mit: gelebte Praxis der überlebensnotwendigen Grundannahmen, um so zu einem gedeihlichen Zusammenhalten bzw.  helfen zu gelangen.

Welche Ereignisse und Entwicklungen sind typische Beispiele dafür, den Zusammenhalt zu erschüttern?

Ich würde da einmal medial breit ausgewalzte Schwarz- bzw. Rosa-Darstellungen gesellschaftlicher Entwicklungen nennen, die nicht kohärent sind. Dazu ergänzend: vor allem übereinander zu kommunizieren, aber sich nicht miteinander von Angesicht zu Angesicht auszutauschen; auf Rückfragen allergisch zu reagieren. Ein weiteres Anzeichen: Man weist einander die Schuld an Entwicklungen zu, ist aber nicht bereit, gemeinsam Ursachenforschung zu betreiben und gemeinsame Probleme gemeinsam zu beheben. Ein weiteres gravierendes Alarmzeichen ist die Umverteilung der Lebenschancen von unten nach oben.

Wie kann man den Zusammenhalt seitens der Politik und als einzelner Bürger fördern?

Nach rund 100 Jahren repräsentativer Demokratie ist heute eindeutig mehr direkte Demokratie angebracht. Wir jetzigen Menschen sind meist mehr ausgebildet, allerdings hoffentlich nicht mehr eingebildet. Zudem existieren jetzt andere technische Möglichkeiten, die demokratiefreundlich gestaltet werden müssen, etwa die Digitalisierung. Wichtig sind zudem geprüfte Informationen, die geteilt werden bzw. im Teilen immer wieder auf Wahrheitsgehalt und Gemeinwohlorientierung geprüft werden. Also mehr Transparenz und weniger Herrschaftsinteressen-gespinte Informationen, damit ein sachgerechter Diskurs möglich ist.

Politik hat gemeinwohlorientiert zu sein, wenn sie nachhaltig und zukunftsorientiert sein will. Subsidiarität – was kleinere Einheiten selber bewältigen können, darf ihnen nicht einfach entzogen werden – gehört wertgeschätzt, ebenso wie das Einüben von Solidarität mit allen Menschen und auch die Sorge um die Schöpfung bzw. Umwelt. Jede einzelne Person ist einzigartig. Sie ist auch Trägerin einer unsererseits unverleihbaren, aber auch unauslöschbaren Würde. Das ist der fundamentale Reichtum einer Gesellschaft. Politiker haben ihren und jeder von uns hat seinen Beitrag zu einer integralen menschlichen Entwicklung zu leisten, bei der sowohl der Einzelne als auch die überschaubaren Gemeinschaften und die großen menschlichen Konstellationen profitieren. Weil soziale, ökonomische, ökologische, wissenschaftliche, künstlerische, technische und spirituelle Notwendigkeiten zusammen gesehen werden. Die ökosoziale Marktwirtschaft wäre da einmal ein guter Startpunkt für noch bessere Gestaltungen einer integralen menschlichen Entwicklung, bei der die Schöpfung G‘‘TTES, das heißt die Umwelt, einbezogen wird.

Welche Folgen haben die Herausforderungen der Flüchtlingsintegration auf den Zusammenhalt? Gibt es dazu Beispiele aus der Vergangenheit oder aus anderen Regionen?

Misslingt Integration, unter anderem die Flüchtlingsintegration, aber damit auch – sehr wichtig – die Integration von NEET (not in education, employment or training)-Jugendlichen, dann sind schwer(-er) einbeziehbare Milieus von Ausgegrenzten bzw. wenig Anschlusswilligen schon programmiert. In Österreich wird gerne die gute Integration der Ungarn (1956), Tschechen (1968), Boat-People (Mitte bis Ende der 1970er-Jahre), Polen (Anfang der 1980er-Jahre) und der Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien (Anfang bis Mitte der 1990er-Jahre) genannt. Es gibt – nehme ich an – sicher auch noch andere Gruppierungen.

Welche Schwierigkeiten bringt in diesem Zusammenhang die Integration von Flüchtlingen und Zuwanderern grundsätzlich mit sich? Und welche Rolle nehmen die Religion, insbesondere der Islam, sowie unterschiedliche Kulturen bzw. die Geschichte dabei ein?

Fühlen die Flüchtlinge und Zuwanderer sich willkommen oder nicht? Wie wird das Willkommen gelebt? Wie weit sehen die Flüchtlinge und Zuwanderer die Möglichkeit und die Notwendigkeit, sich selbst einzubringen? Religion und Kultur bilden gewissermaßen zusammen verschiedenartige Amalgame. Es gibt für die Religionen eine brisante Frage: Wie wird der Mensch gesehen und behandelt, der nicht oder nicht so glaubt? Gibt es dann noch gleiche Menschenwürde oder (eher) nicht? Zur Rolle der Geschichte: Sie kann gewissermaßen als Sedimentierung guter, neutraler, schlechter und immer wieder auch schrecklicher Erfahrungen gesehen werden. Jeder zu Tode Gebrachte ist schlicht einer zu viel. Sehr negative Erfahrungen bringen sehr schwerwiegende Verwerfungen mit sich, die immer wieder neu in die Erzähltraditionen und Geschichtsschreibungen einfließen. Immer wieder jetzt beginnt aber auch die Möglichkeit zur Aufarbeitung, die von jeder Seite anzunehmen und aufzunehmen ist, wenn positive Veränderung geschehen soll.

Zur Rolle von Religionen: Fördern oder behindern sie den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt in einer pluralen Gesellschaft?

Sie können sowohl fördern als auch behindern – je nachdem, wie sie konkret ausgestaltet werden. Religionen sind nicht gleich, sondern jede (ein wenig oder mehr) anders, jedenfalls ist jede einzigartig. Das macht die Angelegenheit ziemlich spannend und herausfordernd.

Braucht es für die Integration überhaupt Zusammenhalt in einer Gesellschaft?

Der Zusammenhalt in einer Gesellschaft ist förderlich, wenn er offen für Neue bzw. Neues ist. Hier stellt sich dann auch die Frage nach dem demografischen Gewicht der Neuen. Wie viel ist in welchem Zeitraum konstruktiv gestaltbar?

Kann man über Integration reden, ohne auch den Zusammenhalt in einer Gesellschaft zu thematisieren?

Von Integration zu reden, ohne den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu thematisieren, ist möglich. Ist das aber sinnvoll? Was soll der Mehrwert davon sein?

Gibt es Werte, die dabei helfen, den Zusammenhalt zu fördern?

Ja – wenn wir Menschen einen unberaubbaren Wert haben, wovon ich fest überzeugt bin. Und wenn wir schon das Wort „Wert“ verwenden wollen, dann ist es zuerst die notwendige und notwendende Wertschätzung eines jeden von uns – auch angesichts erkennbarer Defizite und Gefährdungen –, die den Zusammenhalt fördert. Es ist also ein Wert, uns Menschen mit unseren Talenten Zeit und Raum für die Entfaltung zum Wohl aller und zum Wohl der ganzen Schöpfung G“TTES zu geben. (Vgl. auch die Enzyklika „Laudato si“ 2015 von Papst Franziskus.)

Ist die Demokratie derzeit grundsätzlich in Gefahr?

Echte Demokratie ist wie ein Garten, der täglicher Pflege bedarf, da er sonst Schritt für Schritt verwildert. Darin ließe sich dann immer schwerer wohnen. Und: Diese Art Garten wird auch immer weniger Freude bereiten. Also: Die Demokratie ist immer auch gefährdet.

Was den Zusammenhalt in Österreich angeht: Was bereitet Ihnen persönlich Sorgen?

Meines Erachtens müssen wir Acht geben, dass die repräsentative Demokratie Österreichs nicht immer mehr in Richtung Plutokratie bzw. Oligarchie abdriftet. Daher sind meiner Einschätzung nach sukzessive mehr Elemente direkter Demokratie einzuüben und dann auch einzuführen. Wir Menschen sind verführbar, aber nicht so eingeschränkt, dass wir von einer selbst ernannten „Elite“ geführt werden müssten. So sieht zum Beispiel die biblische Schöpfungsgeschichte nicht vor, dass wir Menschen einander beherrschen; sondern dass wir darauf vertrauen, dass es G“TT mit uns gut meint, wenn ER uns in unsere Freiheit hinein Weisung gibt, die uns in der Spur eines nachhaltig gedeihlichen Miteinanders halten will. Nachdem wir aber offensichtlich eine ausdauernde Neigung zum Beherrschen haben, ist selbstloses Dienen eine gute, aber anspruchsvolle Therapie dafür.

Wenn wir uns um unsere Schwestern und Brüder am Rand sorgen und Mitarbeitsmöglichkeiten mit ihnen und für sie suchen, geraten wir selber nicht an einen gefährlichen Rand.

Die Schreibweise „G“TT“ erklärt sich dadurch, dass es in der heiligen Rolle keine Vokale gibt, ähnlich der jüdisch-orthodoxen Schreibweise. Franz Scharl legt auf diese Schreibweise wert.

Franz Scharl ist Weihbischof in der Erzdiözese Wien, er wurde zum Domkapitular sowie zum Bischofsvikar für die Kategoriale Seelsorge & die Anderssprachigen Gemeinden ernannt. Er ist promovierter Doktor der Philosophie.