09 Schule und Migration
28.05.18

„Ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr kann dazu beitragen, Deutschkenntnisse zu fördern“

Interview mit Jasmin El-Sonbati

Jasmin El-Sonbati betont, dass alle Schüler/innen unabhängig davon, ob sie Migrationshintergrund haben oder nicht, ihre Lehrer/innen respektieren und ihren Anweisungen folgen müssen. Bezüglich religiösen Mobbings, Verbalattacken, Drohungen und Übergriffe auf Lehrer/innen sowie Schüler/innen sind gesellschaftliche Herausforderungen vorhanden.

Viele Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache können nicht ausreichend Deutsch sprechen, wenn sie eingeschult werden. Eine beachtliche Anzahl von Jugendlichen kann zudem nach dem Pflichtschulabschluss nicht ordentlich lesen und schreiben. Wie kann man das verhindern?

Sie sprechen hier zwei Problemfelder an. Jugendliche, die die obligatorische Schule verlassen, eine Lehre anstreben, verfügen tatsächlich über ungenügende Kenntnisse in den sogenannten basalen Kompetenzen Mathematik und Deutsch. Lehrbetriebe, die es sich leisten können, bieten Kurse an, um die Lücken der Jugendlichen zu füllen. Dies betrifft nicht „nur“ Jugendliche mit Migrationshintergrund, sondern auch Kinder aus österreichischen Familien. Es wäre interessant, herauszufinden, woran es liegt, dass die Schule diese Lücken nicht füllen kann. Was die Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache betrifft, erachte ich die Kindergartenjahre als entscheidend. Ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr kann dazu beitragen, die Deutschkenntnisse zu fördern. Andererseits sollte auch der Erstsprache der Kinder Wertschätzung entgegengebracht werden. Der Migrationshintergrund, vor allem die damit in Verbindung stehende Sprache, ist eine zusätzliche Qualifikation, die diese Kinder einfach zu Hause mitbekommen. Aus der Sprachforschung weiß man, dass die gute Beherrschung der Erstsprache das Erlernen zusätzlicher Sprachen erleichtern kann. In einer globalisierten Welt ist gerade Mehrsprachigkeit eine zusätzliche Qualifikation. Grundsätzlich ist die Einbindung von Eltern mit Migrationshintergrund in den Schulalltag anzustreben. Eltern, die ihre Schulen nicht in Österreich absolviert haben, können Schulbiografien entstammen, in der die Mitarbeit der Eltern gar nicht vorgesehen ist. Das heißt, man überlässt alles der Schule, „die wird es schon richten“. Jedoch ist es gerade im Hinblick auf den Schulerfolg der Kinder wichtig, dass Eltern mit Migrationshintergrund genau darüber Kenntnis haben, was in den österreichischen Schulen verlangt wird. Das Integrationsangebot oder die Integrationsaufforderung muss sich auch an die Eltern richten. Sie sind in der Pflicht, das, was die Schule fordert, zu unterstützen.

In Österreich und Deutschland gilt nach wie vor: je höher der Bildungsabschluss der Eltern, desto besser die Bildungschancen der Kinder. Was kann der Staat hier tun?

Die Übertragung des Bildungsstands auf die eigenen Kinder ist ein Problem. Um diesen Automatismus zu durchbrechen, muss der Staat für ein durchlässiges System sorgen. Mit Durchlässigkeit meine ich, dass durch Übergangsklassen ein Übertritt in eine höhere Schulstufe möglich sein kann. Da geht es um Chancengleichheit. Falls Schüler noch nicht genügend Qualifikationen haben, um eine Berufslehre zu absolvieren, dann müsste eine „Anlehre“ oder eine kürzere Lehre als Übergang möglich sein. Die Durchmischung der Schülerschaft in den einzelnen Schulstandorten müsste ebenfalls mehr vorangetrieben werden. Es darf doch nicht sein, dass gewisse Schulen „nur“ von Kindern aus besser ausgebildeten Elternhäusern besucht werden und andere mehrheitlich von Kindern aus sogenannten „bildungsfernen“ Schichten. Natürlich kann der Staat nicht anordnen, in welche Mittelschule oder in welches Gymnasium Eltern ihre Kinder schicken, aber er könnte es ein wenig steuern. Gerade auf der Sekundarstufe II, wo Schüler vermehrt intellektuelle Fähigkeiten entwickeln, ist das Miteinander besonders fruchtbar. Ein Schüler, der nie in Berührung kommt mit bestimmten Bildungsangeboten wie Kunst, Theater, Literatur, Musik, kann diese eher von Gleichaltrigen erfahren, die einfach mehr von zu Hause mitbekommen haben. Umgekehrt lernen Jugendliche aus bildungsmäßig besser aufgestellten Familien von den Klassenkameraden mit weniger Glück, was es heißt, bescheidener zu leben. Wenn es sich auch noch um Migrantenfamilien handelt, tauchen sie in neue Kulturen und Traditionen ein. Last but not least müssen Schulleitungen und Lehrpersonen ganz bewusst die gesamtgesellschaftliche Situation in Österreich im Auge behalten und die Lebensrealitäten aller Schüler im Unterricht miteinbeziehen. Letzteres geschieht an vielen öffentlichen Gymnasien, die ich kenne. Aber ich nehme auch einen gewissen Hang zum Elitarismus wahr, gerade in Wien. Eltern wollen unbedingt, dass ihr Kind ein Gymnasium besucht, das zu den sogenannten Elitegymnasien zählt.

Wie viel Druck bzw. Strafe vonseiten des Staates ist bei der Bildung von Kindern und Jugendlichen erlaubt und sogar erforderlich? Bei Kindern etwa, deren Eltern den Schwimmunterricht nicht erlauben oder sie nicht auf Ausflüge mitschicken. Oder sie beim Schulschwänzen fördern, indem sie ihre Kinder aus Gleichgültigkeit oder Ignoranz nicht sanktionieren.

Diese Frage beinhaltet zwei Elemente. Erstens die Weigerung der Eltern, ihre Kinder aus religiösen Gründen an gewissen schulischen Aktivitäten teilnehmen zu lassen. Zweitens die Vernachlässigung des Erziehungsauftrags vonseiten der Eltern. In beiden Fällen muss die Schule reagieren, darin besteht kein Zweifel. Schließlich geht es um den Bildungsauftrag, der allen Kindern unabhängig von Geschlecht, Religion, körperlicher Verfassung, Herkunft zusteht, ja zustehen muss. Nun, wie reagieren, wenn sich Eltern nicht an die Schulordnung halten, indem sie ihre Kinder zwingend von einem obligatorischen Schulangebot fernhalten wollen, oder wenn sie den Kindern gleichgültig gegenüberstehen, was die Schulkarriere betrifft? Erstens, alle Schuleinheiten sind für alle Schüler obligatorisch, ob es sich um Sport, Mathematik oder Kunsterziehung handelt. Alle Fächer haben in gleichem Maße ihre Berechtigung. Ein Fernbleiben kann meiner Ansicht nach nur durch Krankheit bedingt erfolgen, bei längerer Krankheit muss ohnehin ein Arztzeugnis beigebracht werden. Dies müssen wir als Lehrpersonen mit Unterstützung unserer Schulleitungen ganz einfach durchsetzen. Es ist unsere Pflicht, basierend auf einem egalitären Schulgesetz. Falsche Toleranz oder Exotismus sind nicht angebracht. Ich habe noch nie von Erziehungsberechtigten gehört, die ihre Kinder vom Mathematikunterricht dispensieren wollen, warum also vom Sport oder Schwimmen? Beim Schwänzen verhält es sich ähnlich. Wenn Eltern das bei ihren Kindern zulassen, dann ist ebenfalls ein Bestandteil des Schulgesetzes verletzt, und das muss Konsequenzen nach sich ziehen. Natürlich muss vor jeder Sanktion das Gespräch stehen und das ist manchmal schwierig, wenn Eltern nicht kooperativ sind. Aber versuchen müssen wir das. Überhaupt sind der Dialog und das Bedürfnis, Lösungen zu erarbeiten, Schlüsselfaktoren unseres Schulsystems. Wir müssen daran festhalten und nicht meinen, dass man mit Holzhammermethoden weiterkommt.

Viele Eltern sagen, dass die Bildung ihrer Kinder ausschließlich die Aufgabe des Staates, also der Schulen sei. Was sagen Sie diesen Eltern?

Ich sage ihnen: „Engagiert euch, zeigt Interesse am Schulerfolg eurer Kinder. Das gehört auch zu eurer Erziehungspflicht.“ Je nachdem, woher Eltern stammen, können solche Auffassungen verankert sein. Eltern werden in vielen Ländern gar nicht in die Schularbeit miteinbezogen, sie kennen das nicht. Die Schule, der Lehrperson gelten als Autoritäten, denen man nicht zu nahetreten soll. Deshalb ist der Einbezug der Eltern wichtig. Der Staat setzt in der öffentlichen Schule den Rahmen, aber nicht als Hardlinerprogramm, wie wir es aus autoritären Staaten kennen, sondern zum Wohle des Kindes und eben im Dialog mit den Eltern. Das Interesse der Eltern übrigens an der Schulkarriere des Kindes ist nicht zwingend an den eigenen Bildungshintergrund gebunden. Gerade Eltern mit Migrationshintergrund, die als Hilfskräfte arbeiten, unterstützen ihre Kinder in der Schule. Sie wollen, dass es die Kinder einmal besser haben als sie. Sie können vielleicht nicht in Französisch und Latein helfen, aber sie sorgen dafür, dass die Lernumgebung stimmt, und ermuntern ihre Kinder, das Bildungssystem in Österreich zu nutzen. Übrigens hat mir meine österreichische Großmutter erzählt, dass in ihrer Schulzeit der Lehrer die Buben geohrfeigt hat, nicht die Mädchen, das hat sie betont. Zu Hause habe man dem Lehrer immer recht gegeben, meinte sie. „Du wirst das schon verdient haben.“ Heutzutage ist das Gott sei Dank anders. Manchmal mischen sich die Eltern auch zu viel in den Schulbereich ein. Dieses Phänomen gibt es auch.

Von welchen Faktoren machen Sie eine sogenannte Brennpunktschule abhängig?

Ich stehe dem Begriff sehr skeptisch gegenüber, die Metapher „brennen“ passt eigentlich nicht in eine Schule. Eine Schule sollte leuchten. Im herkömmlichen Sinn sind Schulen gemeint, in denen es eine Kumulation von Konflikten gibt, meistens auf die Schülerschaft bezogen: Gewalt, Ablehnung der Autorität der Lehrpersonen, Bildungsferne, Machogehabe, Genderproblematik, eventuell Religionsnähe, wobei das nur mit den muslimischen Schülern assoziiert wird. Dem gegenüber stehen überforderte, genervte Lehrpersonen, die den Schulalltag nicht mehr im Griff haben und sich in die innere Migration zurückziehen, natürlich aus Verzweiflung rechts wählen. Und: eine Schulbehörde, die alles schönredet, eine linke Schulbehörde wohlgemerkt. Das alles verbinde ich mit Brennpunktschulen. Wenn dem so ist, dann ist das schlimm und dann muss dringend etwas getan werden, damit sich alle Beteiligten um die Kernaufgabe von Schule, nämlich Unterrichten, soziales Lernen, Entfaltung der Talente der Kinder, kümmern können. Wichtig ist eine realitätsbezogene, pragmatische Haltung von Lehrpersonen und Behörden. Das bedeutet, dass unterrichtet werden muss und zwar in guter Atmosphäre, es braucht klare und transparente Regeln für Schüler und deren Eltern. Wahrscheinlich ist heutzutage jede Schule eine Brennpunktschule. Auf ihre eigene Art und Weise. Sind Schulen in Hietzing oder im 19. Bezirk weniger Brennpunkt, weil dort keine Ausländer hingehen, aber die Kinder an Wohlstandsverwahrlosung leiden und überbehütet sind? Ich überzeichne absichtlich. „Brennpunkt“ und „Schule“ sind sich ausschließende Begriffe. Dass es Probleme gibt, die wir lösen müssen, ob im Wohlstandsquartier oder in der Arbeitersiedlung, das ist das Ausschlaggebende.

Welche Rolle spielt grundsätzlich Bildung bei der Integration von Zuwanderern?

Zuwanderer, die im Erwachsenenalter nach Österreich kommen, sollten sich in die Berufswelt integrieren können, deshalb sollten sie sich das, was ihnen dazu fehlt, hier aneignen können. In diesem Fall geht es um Berufsbildung. Übrigens, in den Zeiten der Hochkonjunktur, in den 60er-Jahren, waren es die sogenannten Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in Österreich gearbeitet haben. Damals hat übrigens keiner in Österreich einen Zusammenhang hergestellt zwischen Bildung und Integration, weil diese Integration von der österreichischen Gesellschaft gar nicht erwünscht war. Die Menschen kamen, arbeiteten und hatten vor, nach ein paar Jahren wieder zurückzukehren. Bildung ist aber ein umfassender Begriff, der eigentlich über Schule und Bildungsinstitutionen hinausgeht. Und da lautet mein Beitrag ganz einfach, dass Bildung allen Menschen immer zum Vorteil gereicht, ob sie Inländer oder Migranten sind. 

Welche wichtigsten Formen von Bildung unterscheiden Sie persönlich?

Als Grundlage die Kernkompetenzen und Sachkenntnisse rund um Sprache, Naturwissenschaften, Kreativität, Bewegung. Das also, was wir in der Volksschule lernen. Zweitens eine sinnvolle Spezialisation entlang der Stärken des Individuums, die zu einer gelungenen beruflichen Integration beitragen. Drittens ein kritisches und selbstkritisches Bewusstsein. Viertens gehört zur Bildung immer mehr ein Umweltbewusstsein, also der sorgsame Umgang mit Ressourcen.

Welche Best-Practice-Beispiele gibt es für die Integration von Menschen durch Bildung?

Die Best Practice ist immer die, wenn Migranten ganz „normal“ die Schule besuchen, einen Beruf wählen und diesen dann ausüben. Im Grunde genommen wie alle anderen in Österreich lebenden Menschen auch. In Bezug auf Asylwerber ist Integration über eine praktische Berufsanlehre Erfolg versprechend. Das heißt, neben dem Erlernen der Sprache möglichst rasch in einen praktischen Beruf einsteigen zu können. Es ist wichtig, dass gerade Asylberechtigte etwas Sinnvolles tun, bei dem sie entweder auf bereits bestehenden Berufserfahrungen aufbauen oder neue erwerben können.

Immer wieder erzählen Lehrer, vor allem Lehrerinnen, von Problemen mit Schülern mit Migrationshintergrund, die die Autorität der Lehrpersonen nicht akzeptieren wollen, sie beispielsweise nicht ernst nehmen oder ihnen nicht die Hand geben. Wie geht man seitens der Schule mit einem solchen Verhalten am besten um?

Dass das Nichteinhalten von Regeln und Respekt im Schulbetrieb eher Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund zugeschrieben wird, kann ich aus eigener Erfahrung nicht teilen. Man müsste qualitative Studien konsultieren, die das belegen. Diese allgemeine Bemerkung hilft der betroffenen Lehrperson letztendlich in der Bewältigung von konfrontativen Situationen im Alltag nicht. Ich wehre mich gegen diese vermeintlichen „Eindeutigkeiten“, sie bringen uns nicht weiter. Also, wie reagieren? Mit Augenmaß, Fairness und der dem Amt innewohnenden Autorität. Lehrpersonen sind Autoritäten und bestens ausgebildet, um mit Kindern und Jugendlichen umzugehen. Das Lernen muss im Vordergrund stehen und allem, was dieses Lernen behindert, müssen wir nachgehen und es möglichst zum Wohle des Schülers verbessern. Ein Schüler, ob er Migrationshintergrund hat oder nicht, muss seinen Lehrer respektieren, er muss auch seinen Anweisungen folgen. So funktioniert Schule. Wir sind Gott sei Dank entfernt von einer Schule, wo der Herr Lehrer die absolute Autorität war und schalten und walten konnte, wie es ihm beliebte. Heutzutage ist Respekt eine gegenseitige Haltung, die von allen Beteiligten zu Recht eingefordert wird. Das heißt: Wenn es zu disziplinarischen Entgleisungen vonseiten der Schülerschaft kommt, dann greifen die dafür vorgesehenen Maßnahmen.

Die da wären?

Das geht von Ermahnung über Strafarbeiten, Nachsitzen, Elterngespräch und kann eventuell bis zum Schulausschluss führen. Eben gemäß sinnvoll abgestufter Maßnahmen, die in der Schule vorgesehen sind. Lehrpersonen sollen der Schülerschaft mit Wohlwollen, Selbstbewusstsein und der Kraft ihres Amtes begegnen. Was das Handgeben bzw. Nichthandgeben betrifft, so muss der Schüler, der dies verweigert, klar kommuniziert bekommen, dass diese Begrüßungsform zu den üblichen Gepflogenheiten in Österreich gehört und dass es auch für die berufliche Zukunft einfach ein „Must“ ist. Lehrerinnen, die betrifft es ja meistens, müssen die Solidarität des Lehrkörpers und der Schulleitung spüren und sich auch auf diese berufen können, es müssen sicher Gespräche mit dem Schüler geführt werden. Kapitulieren und einfach hinnehmen ist ein schlechtes Signal. Ob es zu einem Schulaustritt reicht, müsste dann die Schulleitung entscheiden. Wobei natürlich nicht auf allen Schulstufen immer die Hand zum Gruß gereicht wird. Auf dem Gymnasium ist es weniger üblich als in der Grundschule.

Die Hand zu geben bzw. nicht zu geben, ist ja nur eine Facette. Welche Herausforderungen sehen Sie in diesem Kontext noch in den Schulen?

Auch bezüglich religiösen Mobbings, Verbalattacken, Drohungen und Übergriffe auf Lehrer sowie Schüler sind gesellschaftliche Herausforderungen vorhanden. Aber die gab es immer schon, die Frage ist nur, ob diese überhaupt wahrgenommen wurden. Man deklariert in der Diskussion gerne das „reine“ österreichische Klassenzimmer, die heile Welt der 50er-, 60er-, 70er-Jahre, zur problemfreien Zone. Das glaube ich nicht, man hat einfach vieles tabuisiert, nicht wahrgenommen. Häusliche Gewalt, Eltern, die Kriegserlebnisse ausblendeten, verbleibender und nicht ausgesprochener Antisemitismus, sexueller Missbrauch in Familien oder in Institutionen, autoritäre Lehrer etc. wären sehr wohl gesellschaftsrelevante Themen gewesen, von denen Kinder betroffen waren. Es herrschte noch kein offenes pädagogisches Klima wie heute. Der Kulturschock, dem die Kinder der italienischen und spanischen Gastarbeiter, die mit mir in den 70er-Jahren in der Schweiz die Schulbank drückten, ausgesetzt waren, darüber hat niemand mit ihnen gesprochen. Sie waren auf sich selbst gestellt. Es hat auch niemanden wirklich interessiert. Heute ist auch das anders.

Und wie sollen wir damit umgehen?

Auf jeden Fall darauf reagieren. Reden, überzeugen, die Jugendlichen zu Respekt und Toleranz anleiten, sanktionieren. Ich würde nicht sagen, dass Lehrpersonen überfordert sind, aber weil wir heute mehr hinschauen als Pädagogen früher, sind wir einfach mit viel mehr Dingen konfrontiert. Und da benötigen wir Lehrpersonen Unterstützung. Denn wir sind tatsächlich überfordert, wenn wir uns mit Fällen auseinandersetzen müssen wie beispielsweise mit sexuellem Missbrauch, religiösem Extremismus, Umgang mit sozialen Medien, Mobbing. Das gehört in die Hände von psychologisch geschultem Personal. Und dieses Fachpersonal muss uns ohne bürokratische Hürden unterstützen. Im Fall von religiösem Mobbing verhält es sich gleich, einen Teil der Aufklärung können wir Lehrpersonen bestens bewältigen. Aber für die gruppendynamischen Prozesse, die Mobbing eindämmen, dazu müssen Lehrpersonen Fachpersonen beiziehen können. In der Vergangenheit haben die Behörden – sei es, weil sie gut dastehen wollten oder aus parteipolitischem Kalkül – dahingehend sicherlich einiges verschlafen. Also, ich fordere Begleitpersonal, das Lehrpersonen bei Bedarf zur Seite steht. Eben weil wir nicht mehr wegschauen wollen.

Sie haben vorhin die antisemitischen Vorfälle angesprochen ...

Das sind menschenverachtende, absolut verachtungswürdige Taten. Die muslimischen Schülerinnen und Schüler, die vor Kurzem in einer österreichischen Schule ihre jüdische Mitschülerin bedroht haben, müssen sehr eng begleitet werden und sie sowie die Erziehungsberechtigten müssen mit aller Hartnäckigkeit und mit allen Regeln der pädagogischen Kunst auf die Abscheulichkeit ihres Handelns aufmerksam gemacht werden. Schüler, die andere Kinder angreifen, müssen auch Sanktionen erleben. Das darf nicht einfach durchgehen. Antisemitismus ist leider Gottes auf dem Vormarsch. Jugendliche hören Rap-Gruppen wie Kollegah und Farid mit ihren antisemitischen, homophoben, xenophoben, frauenfeindlichen Inhalten. Natürlich gibt es Antisemitismus von islamistischer Seite. Gerade Jugendliche, die offen sind für radikale Ansichten, sind dafür anfällig. Antisemitismus gehört weder nach Österreich noch sonst wohin. Ich glaube, es ist wichtig, dass alle jungen Menschen in Österreich, gerade 80 Jahre nach dem „Anschluss“, viel mehr Informationen erhalten über den Nationalsozialismus und den Antisemitismus. Man muss also schonungslos aufklären. Und um wieder in die Schule zurückzukehren: Auch die Jugendlichen müssen in diese Aufklärungsarbeit miteinbezogen werden. Es kann sehr schmerzhaft sein, die eigene Familienbiografie entlang der politischen Haltungen der Großeltern und Eltern herausarbeiten zu lassen. Grundsätzlich gilt natürlich: „Null Toleranz“.

Was sagen Sie zu Beobachtungen von Lehrern, wonach für manche muslimische Schüler ihre Religion und ihre Herkunft wichtiger seien als die Schule und das, was die Lehrer sagen? Der Einfluss des Familienverbandes sei einfach zu stark.

Das ist eine Behauptung, die sich so nicht belegen lässt und ziemlich verallgemeinernd daherkommt. Ich kann nur grundsätzlich Stellung beziehen: Die Schule muss sich mit ihren Wertehaltungen zum Wohle des Kindes durchsetzen. Wir haben einen Bildungsauftrag, der allen in Österreich lebenden Kindern und Jugendlichen bis zum Erreichen des 16. Lebensjahres zusteht. Das müssen wir mit den Mitteln, die uns das Gesetz gibt, umsetzen. Und zwar ohne Wenn und Aber. Es ist unsere Aufgabe, Entwicklungen, die dem Kind nicht guttun, entgegenzuwirken. Ich nenne ein paar Beispiele: ein Junge, der sich radikalisiert und nur noch den Islam als allein selig machende Religion ansieht; ein Mädchen, das Germany’s Next Topmodel werden will und zur Erreichung ihrer Traumfigur zu allem bereit ist; ein Junge, der nur noch vor dem Computer sitzt, alle sozialen Kontakte abgebrochen hat und vor lauter Spielen am Computer den Bezug zur Realität verloren hat. Alle diese Jugendlichen muss die Schule im Rahmen ihrer Möglichkeiten vor sich selbst schützen.

Wie kann man speziell Mädchen mit Migrationshintergrund besser fördern?

Nach der #MeToo-Debatte müssen Mädchen allgemein gestärkt werden, sich zu äußern und sich zu wehren, wenn sie instrumentalisiert oder missbraucht werden. Ich finde, man kann nicht verallgemeinern und pauschal „Mädchen mit Migrationshintergrund“ postulieren und automatisch an arme „Hascherl“ denken. Schülerinnen jeglicher Couleur sollen immer die Möglichkeit haben, sich dann zu äußern, wenn sie das Gefühl haben, aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert zu werden. Wenn Sie implizit „muslimische Mädchen“ meinen, dann muss man differenzieren. Nicht alle muslimischen Mädchen sind in der Bredouille. Es geht um solche Mädchen, die in einem konservativen, einschränkenden Elternhaus erzogen werden. Diese müssen wir als Lehrpersonen durch interessante Inhalte fördern, in ihnen das Bewusstsein fördern, dass ihnen, wie allen anderen, die Welt offensteht – ärmlich ab der Volljährigkeit, und zwar die Freiheit in all ihren Facetten. Das würde bedeuten, frei zu entscheiden, eine Berufsausbildung zu machen, sich eventuell von der Religion zu lösen oder diese kritisch zu hinterfragen, alleine zu wohnen, Liebesbeziehungen einzugehen, die auf freier Entscheidung beruhen. Das Bewusstsein dafür können wir in der Schule fördern. Natürlich muss es nach der Schule entsprechende Institutionen geben, an die sich Mädchen mit Unterstützungsbedarf hinwenden können.

Wie stehen Sie zu einem Kopftuchverbot in Kindergärten und Volksschulen?

Ich bin gegen jegliche körperliche Verhüllung aus religiösen Gründen, vor allem Kinder sollten von den Glaubens- und ideologischen Ansichten ihrer Eltern, so gut es geht, verschont werden – wobei man als Kind immer etwas mitbekommt, das ist klar. Dazu gehört natürlich das vermeintlich islamische Kopftuch, von dem im Übrigen in meiner Kindheit und Jugend nie die Rede war. Also: Wenn der österreichische Staat eine Regelung bezüglich äußerer religiöser Symbole will, dann muss er das für alle Religionen „anordnen“. Es geht rechtsstaatlich nicht, dass eine Religionsgemeinschaft hier sozusagen „bevorzugt“ mit Verboten belegt wird. Aber Österreich ist kein laizistischer Staat wie Frankreich, das wird im „Islamtumult“ vergessen. In Österreich gibt es ein Konkordat, das immer ein Wort mitzureden hat. Wenn man wirklich etwas gegen die religiöse Beeinflussung in den Schulen machen möchte, dann müsste man in erster Linie dieses Konkordat infrage stellen oder sogar abschaffen wollen. Dann wäre der Staat religionsneutral, was er einfach nicht ist. Alle religiösen Symbole gehören von der Schule verbannt, das Kreuz im Klassenzimmer, die Kopftücher der muslimischen Mädchen, die Kippa der jüdischen Schüler. Ab dem 16. Lebensjahr sind Jugendliche religionsreif und können selbst entscheiden, wie sie sich religiös kennzeichnen wollen. Aber dann müsste man immer noch darüber diskutieren, ob die Schule dafür der richtige Ort ist. In Frankreich ist das Verbot der „signes ostentatoires“ kein Thema mehr, aber es betrifft eben alle Religionen.

Jasmin El-Sonbati ist Vertreterin eines liberalen Islam, Gymnasiallehrerin, Initiatorin von „Offene Moschee Schweiz“ und Autorin der Bücher „Gehört der Islam zur Schweiz? Persönliche Standortbestimmung einer Muslimin“ sowie „Moscheen ohne Minarett. Eine Muslimin in der Schweiz“. Sie verbrachte ihre Kindheit in Kairo und studierte Romanistik in Wien und Basel.