03 Menschen türkischer Herkunft in Österreich
30.05.17

„Ich glaube, dass hier mit Kalkül vorgegangen wird. Das Ziel ist die Schwächung der europäischen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.“

Interview mit Birol Kilic

Birol Kiliç fordert von Türken, die in Österreich leben die Loyalität zum österreichischen Staat. Den Einfluss aus dem Ausland und des politisierten Islam gilt es zu verhindern. Er warnt davor, dass unabhängig davon wie das Referendum ausgeht, die säkulare türkische Republik in großer Gefahr ist.

Wie wird Ihrer Meinung nach das Referendum zur Verfassungsänderung in der Türkei am 16. April ausgehen?

Das ist sehr schwer vorherzusagen, weil in der Türkei die „Nein“-Fraktion gerade nicht die Möglichkeit hat, im öffentlichen Raum ihre Meinung kundzutun. Nach unseren aktuellsten Informationen aus äußerst seriösen Quellen werden alle Oppositionellen inklusive der Parteien vom AKP-Staat verfolgt, terrorisiert sowie psychisch und physisch fertig gemacht. Es ist egal, wie das Referendum ausgeht, die säkulare türkische Republik ist mit seinen säkularen, modernen, liberalen, demokratiebewussten Menschen in sehr großer Gefahr. Europa kann sich nicht mit Grenzschließungen aus der Verantwortung ziehen, weil auch hier sehr viele Fehler gemacht wurden. Wir müssen aufpassen, dass die Türkei nicht irakisiert, afghanisiert oder syrisiert wird, was auch Folgen für Europa hätte.

Welche Rolle werden die jüngsten Eskalationen in den Niederlanden, Deutschland und anderen EU-Ländern dabei spielen?

Für die AKP-Regierung bringt das ein paar Punkte, die lebenswichtig sein könnten. So etwas war in der türkischen Republik einmalig und hoffentlich ist das nicht der Anfang einer unbekannten Tragödie, die nicht nur für alle Menschen aus der Türkei in Europa großen Schaden bringt, sondern auch für die Länder in Europa.

Wie bewerten Sie das Verhalten der türkischen Regierung im Zusammenhang mit der Wahlwerbung bei Auslandstürken in Europa? Welche Strategie steckt dahinter?

Wahlwerbung im Ausland ist in der Regierungszeit der AKP im Jahr 2008 mit dem Wahlpropagandaverbot mit folgenden deutlichen Worten verboten worden: „Im Ausland und in den ausländischen Vertretungen darf man keine Wahlpropaganda machen.“ Dennoch hält man sich nicht daran. Warum das so ist, wird künftig noch deutlicher zu sehen sein. Denn in Zukunft werden auch türkische Staatsbürger aus dem Ausland direkt in das türkische Parlament wählbar sein. Dafür hat man ein Abgeordnetenkontingent für Auslandstürken geschaffen. So wird beispielsweise aus Deutschland oder Österreich eine bestimmte Zahl an Abgeordneten fix in das türkische Parlament gewählt werden. Das klingt nett, ist aber eine Katastrophe für das Zusammenleben und die Integration der Millionen Eurotürken. Die Probleme der Eurotürken werden nicht in Ankara gelöst, sondern in den europäischen Ländern, Städten und Bezirken. Deswegen sollte man aufhören, Wahlpropaganda oder ähnliches im Ausland zu betreiben. Das schafft Vorurteile und viele Probleme mit der Aufnahmegesellschaft, die wir nicht wollen. Es reicht, das vorhandene Wahlgesetz in der Türkei jetzt und auch in Zukunft anzuwenden. Die Abgeordneten bzw. Minister verletzen mit der Wahlkampfpropaganda im Ausland ihre eigenen Gesetze. Daran erkennt man, wie blank die Nerven liegen.

Weil Sie die Probleme mit der Aufnahmegesellschaft erwähnt haben. Wie werden sich diese Ereignisse konkret auf das Zusammenleben zwischen der türkischen Bevölkerung und der Mehrheitsgesellschaft auswirken? Bzw. auf das Zusammenleben innerhalb der inhomogenen türkischen Bevölkerung in Österreich?

Die letzten Ereignisse sind ein Schlag ins Gesicht aller Menschen aus der Türkei, die sich fast in Geiselhaft befinden. Unter dem Vorwand‚ ihre Probleme lösen zu wollen, werden Probleme erzeugt, die wir in den nächsten Monaten und Jahren spüren werden. Die türkische Regierung und ihre Vertreter in Österreich werden hier nicht behilflich sein. Die Mehrheit der Gesellschaft wird dauernd durch die Einmischung aus der Türkei und des AKP-Regimes durch Berichte und Politiker gehetzt. Ich glaube, dass hier mit Kalkül vorgegangen wird, das Ziel ist die Schwächung der europäischen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Man will die Vorurteile in Hass umwandeln, damit Europa mit seinen hart erkämpften Werten verliert. Hier muss man zwischen Ursache und Wirkung sowie zwischen Feuerlöscher und Brandstifter unterscheiden. Wir müssen die Mehrheit der Menschen aus der Türkei vor diesen Angriffen schützen.

Wie bewerten Sie den in diesem Kontext ausgesprochen harten Umgang von Österreich und der EU mit der Türkei? Von vielen österreichischen Politikern sind ja sehr deutliche Worte wie „Quasi-Diktatur“ etc. gefallen.

Nicht gut und kontraproduktiv. Man darf hier nicht Öl in das Feuer gießen, sondern sachlich die demokratischen Werte verteidigen und fordern, die in der Türkei mit Füßen getreten werden. Man muss in der Türkei wie auch in Europa alle echten demokratischen Kräfte unterstützen, ohne einen Unterschied zwischen Kurden, Türken, Aleviten oder Sunniten zu machen.

Deniz Yücel, ein deutsch-türkischer Journalist, befindet sich immer noch in Haft. Viele andere türkische Journalisten beklagen eine Einschränkung der journalistischen Freiheit. Wie beobachten Sie diese Entwicklung?

Es ist sehr traurig und nicht zu akzeptieren. Wir fordern Freiheit für alle Journalisten, die einen kritischen, aufklärerischen Journalismus betreiben. In der Türkei sind die meisten inhaftierten Journalisten aufgrund der Anti-Terror- oder der Strafgesetze angeklagt. Viele haben mit Kriminalität oder Terror nichts zu tun. Das Ganze riecht nach „McCarthyismus“. Die McCarthy-Ära in den USA bedeutete Gesinnungskontrolle. Personen wurden mit unzureichenden Anschuldigungen und unfairen Ermittlungsmethoden zum Schweigen oder in Verruf gebracht. Ohne Presse- und Meinungsfreiheit und Gewaltentrennung kann sich ein Staat nicht „demokratischer Rechtsstaat“ nennen. Wir wünschen uns eine demokratische, säkulare türkische Republik, in der die Gewaltentrennung sehr steril angewendet wird. Das kann nur durch eine nicht korrupte Sprache funktionieren. Wie Sie wissen, ist die Sprache der Korruption Scheinheiligkeit, und Europa muss genauso wie das türkische Regime mit dieser Scheinheiligkeit aufhören.

In Österreich leben rund 200.000 bis 300.000 Personen türkischer Abstammung. Wie gut ist diese Gruppe Ihrer Meinung nach integriert?

Nach unseren Zählungen sind es circa 300.000. Davon sind schon 200.000 österreichische Staatsbürger. Der Rest sind türkische Staatsbürger und viele wollen in Zukunft eventuell auch österreichische Staatsbürger werden. Wir sehen das als einen normalen und gesunden Prozess. Meiner Meinung nach sind sehr viele Menschen aus der Türkei in vielen Bereichen sehr gut integriert und stellen einen wichtigen Teil der österreichischen Volkswirtschaft dar. Sie leben in Österreich und sie vermissen es bereits nach kurzer Zeit. Man muss sich fragen, was man unter erfolgreicher Integration versteht. Ich verstehe darunter, dass man dem Land gegenüber loyal ist, in dem man lebt und das man es zum Zentrum seines Lebens gemacht hat, dessen Sorgen teilt, seine Gesetze und kulturelle Werte und Bräuche respektiert und akzeptiert. Genau das würde ich auch von einem Österreicher, der in der Türkei lebt, erwarten. Das hat etwas mit guter Erziehung und Anstand zu tun und führt zu einer vernunftbezogenen Integration.

Es stellt sich auch die Frage, was wir unter Loyalität verstehen.

Für mich und für viele Türken in Österreich hat Loyalität sehr viel mit der österreichischen rechtsstaatlichen Verfassung und den sehr schwer gewonnenen demokratischen Werte zu tun. Dazu kommen eine halbwegs gute Gewaltenteilung und ein Sozialstaat, Wohlfahrt, Sicherheit, Legitimität sowie die Ethik und die Moral des Landes. Deswegen haben wir unser Lebenszentrum in Österreich gewählt, weil wir diese Werte in unseren Heimatländern vermissen. Das schafft Vertrauen, Liebe und Loyalität und vor allem aber Sicherheit und Schutz. Das sind sehr wichtige Errungenschaften, die Respekt von allen Migrant/innen verdienen und bei den meisten Türken ist das auch der Fall. Wir sollten aber hier den Unterschied zwischen Moral und Sittsamkeit bzw. Religion erkennen. Wir wissen aus Erfahrung als austrotürkische Muslime, dass zwischen moralischem Handeln und Religiosität kein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Unser Glaube ist unsere Privatsache. Die Säkularität ist in der rechtsstaatlichen Demokratie, wo Gewaltenteilung funktioniert, so wichtig wie Sauerstoff in unserem Leben. Das ist das Wichtigste, denn das schützt die Gläubigen und die Nichtgläubigen. Säkularismus bedeutet für uns Türken aber nicht, wie viele annehmen, immer Religion und weltliche Angelegenheiten voneinander zu trennen. Säkularismus heißt bei uns, die Legitimation der Herrschenden beziehungsweise Regierenden nicht auf Gott oder religiöses Recht zu gründen, sondern auf den Willen des Volkes durch Demokratie und Rechtstaatlichkeit. Der Staat ist gegenüber jedem Bürger, egal welcher Religion, Nation, Geschlecht oder politischer Ansichten, absolut objektiv. Das ist der wichtigste Punkt einer gelungenen Integration.

Wo liegt das Problem, wenn dieser Säkularismus nicht beachtet wird?

Es gibt Gruppen, Organisationen, Vereine und Verbände, die eigentlich politische Parteien bzw. Sekten in Österreich sind und den Islam für ihre politischen und wirtschaftlichen Zwecke missbrauchen. Die türkischen politischen Parteien, besonders jene, die den islamischen Glauben für ihre politische Zwecke missbrauchen, haben in Österreich unter dem Vorwand von NGOs Vereine gegründet und nützen das Vereinsgesetz aus. Manche treten sogar als Religionsbehörde in Erscheinung. Sie wollen nicht nur zwischen Gott und Mensch alle Angelegenheiten organisieren, sondern auch zwischen dem Mensch und dem demokratischen Staat. Daraus entsteht nur Unglück, Unterdrückung, Ausbeutung und eine rückwärtsgerichtete Zivilisation, die das Zusammenleben immens erschwert. Diese Diagnose ist sehr wichtig. Es gibt Bewegungen, die absichtlich unter dem Vorwand der Religionsfreiheit den guten Willen der Integrationspolitik missbrauchen und von Parteien in Österreich moralisch unter dem Deckmantel "Solidarität", „Integration“, „interreligiöser Dialog“ oder durch eigene Interessen unterstützt werden. In vielen Bereichen werden wir in zehn bis 15 Jahren noch mehr Probleme bekommen. Ich habe vor 20 Jahren aufgrund dieser Entwicklungen und Erfahrungen viele Politiker und Verantwortliche aus unseren Heimatländern gewarnt, ohne zu hetzen. Wir haben auch hier in Österreich einen verfälschten Islam, den wir den „politisierten Islam" nennen. Er wurde seit 1960 durch bekannte nahöstliche arabische Quellenländer und ihre „Theologie des Verachtens” mit Unterstützung von westlichen Ländern propagiert und salonfähig gemacht. Dies ist in den Zielländern Afghanistan, Pakistan, Iran, Irak, Syrien, im Nahen Osten und nach dem Militärputsch von 1980 auch in der Türkei bereits geschehen.

In allen Ländern nützen freiheitsfeindliche Parteien die bestehende demokratische Verfassung, um durch den fundamentalistischen Missbrauch der Religion an die Macht zu kommen und dann die demokratischen Errungenschaften wieder auszuhebeln. Aber wo sie an die Macht kommen, bringen sie nicht Frieden, Sicherheit und Freiheit, sondern Rache, Spaltung und Morallosigkeit. Das hat jedoch mit dem „koranischen Islam“ nichts zu tun, wenn man wissenschaftlich und objektiv die Quellen betrachtet. Dieser „politische Islam“ ist eine künstlich fabrizierte Wüstentheologie des Verachtens, der auch trauriger Weise immer als "der" Islam wahrgenommen wird. Hier liegt der deterministische Ursprung des Problems, weil wir grundsätzlich alles pauschalisieren. Damit treibt man alle Muslime in die Hände des „politischen Islams“, der sich neuerdings auch als „konservativer Islam“ bezeichnet. Das sollten wir in Österreich nicht erlauben. Wir müssen hier unbedingt Alternativen und richtige Definitionen finden.

Aber was ist der Islam wirklich? Das Wort „Islam“ des Korans hat als Wurzel die Worte „selam“ und „silm“ und diese bedeuten „Friede“, „Glück“, „Wohlbefinden“ und „Vertrauen“, die auch mit europäischen Werten kompatibel sind. Auch in vielen Versen wird Demokratie und Republik als einzige legitime Staatsform empfohlen. Hier sind zwei Begriffe hervorzuheben. Zum einen schura“ (das System der Beratung und Kontrolle) und „bajat“ (den Gesellschaftsvertrag). Infolgedessen sind unserer Meinung nach alle Muslime in Österreich und in der Welt, die ihr „wahres Islam“-Bekenntnis aus dem Koran beziehen, verpflichtet, durch ihre Taten und Handlungen das Wort „selam“ auch zu leben. Für sich und gegenüber dem Nächsten sowie Gewalt verbreitende und selbstverherrlichende Theologien des Islam, die wir insgesamt als „verfälschten Islam“ bezeichnen, kritisch zu betrachten. Österreich war und ist ein Hinterland des politisierten Islams in Europa. Auch London und Köln, wobei Köln fast die Zentrale ist, von wo man auch den Balkan kontrolliert. Das nächste Syrien und Irak wird der Balkan sein. Man darf aber nicht pauschalisieren.

Wie gesagt, wir haben eine Community, die sehr gut in Österreich integriert ist, aber wir bemerken sie nicht. Wir bemerken nur jene Leute, die 1960 aus den konservativen, politisch rechts geprägten Gegenden Anatoliens gekommen sind, sich zivilisiert benahmen, aber hier später ab 1980 in Europa und speziell in Österreich fundamentalistisch indoktriniert wurden.

Wir haben in Österreich 14.000 Unternehmer in allen Bereichen mit über 30.000 Mitarbeitern. Hunderte erfolgreiche Ärzte, Ingenieure, Anwälte, Künstler, Händler, Wissenschaftler/innen, Architekt/innen, Baumeister, sowie tausende Arbeiter/innen, Schüler/innen und Student/innen, die jeden Tag Knochenarbeit machen, erfolgreich sind und nicht wahrgenommen werden, aber für den wirtschaftlichen Fortschritt der Republik Österreich in den letzten 50 Jahren eine enorme Leistung erbracht haben. In der Kriminalstatistik rangieren die Türk/innen innerhalb der Migranten, wenn es um Raub, Betrug, Täuschung etc. geht, weit unten. Wir wollen gebildete Menschen haben, die auch der deutschen Sprache mächtig sind und ihnen unsere demokratischen Werte vermitteln. Für mich sind diese Werte gleichbedeutend mit der Aufklärung der Zivilisation. Wir kommen aus einem Land, das Kemal Atatürk zu einem modernen Staat umgewandelt hat. Er hat auch sicherlich Fehler gemacht, aber er hat den Frauen Rechte gegeben, in einer Zeit, in der sie diese Rechte noch nicht einmal hier hatten. Durch ihn haben wir den Säkularismus und die lateinische Schrift bekommen und das Kalifat in Istanbul und das Sultanat abgeschafft. Jetzt will der IS das Kalifat in Istanbul wieder errichten. Atatürk hat seinen Blick auf die westliche Zivilisation gerichtet und diese für die Türkei zum Vorbild genommen. Er hat die moderne Türkei als Republik gegründet, als gleichzeitig die Diktatoren Hitler, Mussolini und Stalin in ihren Ländern an der Macht waren. In solchen Zeiten, besonders aus dem Osmanischen Reich, so eine Republik zu gründen, ist eigentlich unglaublich. Atatürk hat mit dem Ziel, die Türkei zu einem modernen Staat zu entwickeln, eine Reihe von revolutionären Umgestaltungen in den Jahren 1922 bis 1937 durchgezogen, die die politischen Islam-Anhänger ab 1980 sukzessiv, beginnend beim Laizismus, wieder abschaffen wollen.

Wie schätzen Sie die Demonstrationen der Erdogan-Anhänger in Österreich nach dem Putschversuch im Juli letzten Jahres ein?

Die spontane Demonstration nach dem dilettantischen und barbarischen Putschversuch ist eine emotionale Reaktion, die über soziale Medien verbreitet wurde. Wir möchten nicht aus der Türkei dirigiert und delegiert werden bzw. die fünfte Kolonie sein, egal von welcher Partei und von welcher Regierung genauso wenig möchten wir, dass die Österreicher/innen in Istanbul von Österreich aus dirigiert werden. Wir lieben die Türkei und wollen nur eines: eine wirtschaftlich starke demokratische, rechtsstaatliche Republik, wo alle Menschen ohne Angst und Schrecken ihre Meinung äußern können und wo die Umwelt geschützt und nicht durch neoliberale Maßnahmen ausgeblutet wird. Wir sollten mehr Empathie haben und uns überlegen, was ein gewöhnlicher Österreicher denkt, wenn er hier tausende Menschen, die seit 40, 30 oder auch erst seit zehn Jahren hier leben, mit türkischen Fahnen auf der Straße unter dem Denkmal Prinz Eugens am Heldenplatz demonstrieren und die Probleme der Türkei nach Österreich importieren. Wir haben hier auf den Gebieten Arbeit, Bildung, Wohnen und Diskriminierungen auch genug Probleme, die wir durch Teilnahme an der demokratischen Diskussion über wahre NGOs lösen sollten. Unsere Probleme können und sollen nicht aus dem Ausland gelöst werden. Die Österreicher haben ja prinzipiell nichts gegen türkische Fahnen. Denken wir daran, als in Österreich bei der EURO 2008 die Türkei gegen Kroatien 4:2 gewonnen hat und tausende Türken in Wien und ganz Österreich auf die Straßen gegangen sind. Damals haben die Österreicher mitgefeiert. Ich liebe die Österreicher auch deswegen. Ich war im Jahre 1999 dabei, wo in der Türkei starke Erdbeben waren und wo wir als Vereine helfen wollten und tausende Österreicher unsere Trauer geteilt haben und uns unterstützt haben. Ich erinnere mich an eine alte Wienerin, die uns ihren eigenen Pullover und andere Sachen gebracht hat, weil sie uns irgendwie helfen wollte und dann geweint hat. So etwas vergisst man nicht.

Was kann man tun, wie sollen Politik und öffentliche Institutionen handeln?

Man muss hart gegen den politisierten Glauben und seine Vertreter, die unseren Glauben für ihre Politik, ihre Wirtschaft und ihre Gesellschaftsveränderung missbrauchen, vorgehen und die in Österreich gewonnenen Errungenschaften, vor allem die demokratischen Werte und die Freiheit vor der rückwärtsgewandten Denkweise, die sogar gegen die wahre koranische Ethik ist, verteidigen. Wir dürfen diese Fehlentwicklungen nicht länger tolerieren! Sie können hier nicht einfach unsere Gesetze ausnützen und die muslimische Religion für ihre politischen und wirtschaftlichen Zwecke missbrauchen. Wir sind gegen diese Politisierung und wir möchten mehr Säkularismus, Moral und Ethik. Das bedeutet wie gesagt, dass der Glaube eine Privatsache sein sollte, die salafistischen Sekten und den „politischen Islam“ darf man nicht als regierungsfreie Vereine anerkennen bzw. wie eine Religionsbehörde in Österreich als Ansprechpartner für Muslime und Islamangelegenheiten behandeln. Sie können gleich hinter diesen Vereinen stehende Parteien oder verbotene Bewegungen als Ansprechpartner nehmen. Das wäre noch ehrlicher und transparenter als umgekehrt. Wie kann man Vereine, die eigentlich politische Parteien und Sekten sind, die eine bestimmte Agenda haben, als Ansprechpartner für die Probleme der Türken in Österreich nehmen oder als Islam-Vertreter akzeptieren? Wenn die Menschen in den Fängen einer Sekte oder einer Sekten-Partei sind, kann der Staat nicht mehr überleben. Unser Wunsch ist ein säkularer Rechtsstaat mit klarer Gewaltenteilung. Es ist für uns wertvoll, Bürger dieses Staates zu sein. Ich unterscheide nicht, woher ein Mensch kommt. Für mich ist ein guter und anständiger Mensch jemand, der seinen Verstand und seine Vernunft benutzen kann und hohe moralische Werte hat – und das verlange ich auch von ihm. Verstand, Moral, Vernunft und Wissenschaft, das sind vier Dinge, die uns nach vorne bringen. Wir müssen gegen diese Scheinheiligkeit und Heuchelei Einspruch erheben. Die Gesellschaft leidet unter Scheinheiligkeit und nicht umsonst appellierte Papst Franziskus an die Christen, keine „sozial korrekte“ Sprache zu gebrauchen. Er drückte es so aus: „Dies ist die Sprache der Korruption, der Scheinheiligkeit. Wenn Jesus zu seinen Jüngern spricht, so sagt er zu ihnen: „Eure Sprache sei: Ja, ja! Nein, nein!“. Die Scheinheiligkeit ist keine Sprache der Wahrheit, weil die Wahrheit nie nur für sich steht. Nie! Sie geht immer mit der Liebe einher! Es gibt keine Wahrheit ohne Liebe. Die Liebe ist die erste Wahrheit. Wenn es keine Liebe gibt, gibt es keine Wahrheit. Diese Menschen wollen eine Wahrheit, die sie zum Zweck ihrer eigenen Interessen versklavt haben. Man kann sagen, auch hier gibt es eine Art Liebe: aber es ist eine Liebe zu sich selbst und für sich selbst. Diese narzisstische Vergötterung verführt sie dazu, andere zu betrügen, zu dem Missbrauch des Vertrauens.“ Diese Worte gelten nicht nur für Christen, sondern für alle Menschen und vor allem für uns Moslems. Wir müssen nicht konvertieren, um diese Sätze als unsere Lebensaufgabe, auch in einem demokratischen, säkularen Staat, moralisch anwenden zu können.

In den letzten Jahren haben sich die Migrationsbewegungen aus der Türkei nach Österreich und vice versa angenähert, wie würden Sie aufgrund der aktuellen Entwicklungen die zukünftigen Migrationsbewegungen einschätzen?

Wir sollten akzeptieren, dass die Migration leider die Regel und nicht die Ausnahme ist. Eigentlich will niemand nach Österreich, weil sie wissen, dass es seit 2004 allgemein schwieriger geworden ist. Damals wurden zehn Länder Mitglied der EU und die Konkurrenz ist gestiegen. Die aus diesen Ländern kommenden EU-Bürger arbeiten auch sehr billig. Es ist nicht einfach hier zu leben. Die Türkei hat selber eine große Migrantengruppe im eigenen Land, Menschen aus Syrien mit posttraumatischer Depression. Die Türkei muss drei Millionen Flüchtlingen nicht nur ein zu Hause geben, sondern auch den zwei Millionen Jugendlichen eine Zukunft, sonst werden die Jugendlichen nicht nur der Türkei, sondern der ganzen Welt große Probleme bereiten. Man braucht nur Afghanistan, Pakistan und andere amerikanische Kriegsherde beobachten. Die Kinder aus Afghanistan, die nach Pakistan geflüchtet sind, wurden später durch den aus dem Nahen Osten importierten Wahabismus bzw. Salafismus zu fundamentalistischen Taliban. Auch Boko Haram in Afrika ist so entstanden. In Österreich erwartet man von der Politik, die Zahl der Wirtschaftsmigranten zu begrenzen und hier angekommene Flüchtlinge optimal in die Gesellschaft durch Bildung zu integrieren. Diejenigen, die wegen den Repressionen jetzt aus der Türkei fliehen, sind Wissenschaftler, Journalisten, Akademiker oder Oppositionspolitiker in geringerer Zahl. Deswegen sollte man von der türkischen AKP-Regierung unbedingt die Einhaltung der Kopenhagener Kriterien von 1993 verlangen, aber auch den Dialogweg immer offen lassen. Die Türkei ist nicht die AKP oder Präsident Erdogan und seine Anhänger. Die Türkei hat ein großes Potential und ein hohes Humankapital, das man total übersieht und unterschätzt. Man muss mit den Begriffen richtig umgehen und darf nicht pauschalisieren. Die Goldene Regel gilt auch hier: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg' auch keinem andern zu“. Die Türkei hat 80 Millionen Bürger und ist so bunt wie eine Blumenwiese. Man muss in Österreich und in der Türkei die demokratischen Kräfte, die mit Terror und Fundamentalismus und dem politisierten Glauben nichts zu tun haben, im Sinne von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit unterstützen. Wir in Österreich und in der EU brauchen eine stabile und wirtschaftlich starke Türkei, weil es für die EU sehr wichtig ist, sonst entsteht dort ein Afghanistan-Sumpf, wobei der EU und Österreich dann die Rolle Pakistans zufallen würde. Die Türkei kann man aus Staatsräson nicht fallen lassen, weil die Türkei sonst der gefährlichste Nachbar für die EU wird, wie es entsprechend dem Bild Afghanistan für Pakistan ist. Das wollen viele Länder, die die EU schwächen und destabilisieren wollen. Dagegen muss man auftreten und ohne Türken- und Türkei-Bashing gegen die undemokratischen Kräfte vorgehen.

Wie schätzen Sie das Thema der „Doppelstaatsbürgerschaft“ bei der türkischstämmigen Bevölkerung in Österreich ein?

Die türkischen Gesetze erlauben die Doppelstaatsbürgerschaft. Die österreichischen Gesetze erkennen jedoch nur die einfache Staatsbürgerschaft an. Wenn man an das Ende des Habsburgerreiches denkt, dessen Völker sich in Nationalstaaten aufgesplittert haben, versteht man das. Die Türkei erlaubt es seinen Bürgern, den österreichischen Pass anzunehmen und den türkischen zurückzulegen. Wenn man in der Türkei geboren ist, bekommt man die „Mavi-Kart“, ähnlich einer amerikanischen ‚Green Card‘, mit der man nicht Staatsbürger ist und kein aktives und passives Wahlrecht hat.

Der Erwerb der Mavi-Kart führt weder zu einem Verlust der österreichischen Staatsbürgerschaft, noch zu einem Erwerb der türkischen Staatsbürgerschaft. Besitzer einer Mavi-Kart werden lediglich rechtlich in vielen Bereichen den türkischen Staatsbürgern gleichgestellt. Sie genießen insbesondere das Privileg, bei der Einreise und der Arbeitserlaubnis keinen Einschränkungen unterworfen zu sein. Die Doppelstaatsbürgerschaft wird in Zukunft eine wichtige Rolle in der türkischen Innenpolitik spielen. Seit Mai 2012 haben in Österreich lebende türkische Staatsbürger auch die Möglichkeit, ihre Stimme in Österreich abzugeben. Ich kenne einige, die in der Türkei in die aktive Politik gehen wollten und deswegen ihren österreichischen Pass korrekt zurückgelegt und wieder den türkischen Pass angenommen haben.

Birol Kilic ist Obmann der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich. Er leiten den "Neue Welt Verlag" und gibt die türkischsprachige Zeitung "Yeni Vatan Gazetesi" sowie das deutschsprachige Magazin "Einspruch" heraus. Zudem ist er Vorstandsmitglied im Verband der Auslandspresse. 2015 erhielt er das silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.