04 Migration und Sicherheit
31.05.17

„Junge Männer mit schlechten sozialen Lebensbedingungen sind die Gruppe mit dem höchsten Risiko.“

Interview mit Reinhard Kreissl

Junge Männer mit schlechten sozialen Lebensbedingungen sind laut Reinhard Kreissl die Gruppe mit dem höchsten Risiko, kriminell zu werden. „Racial Profiling” spielt seiner Meinung nach eine wichtige Rolle, um Straftaten aufzudecken.

Nach welchen Methoden wird Kriminalität unter Ausländern gemessen?

Der Begriff „Ausländer“ ist unpräzise, darunter fallen Touristen, Illegale, EU-Ausländer, Menschen mit unterschiedlichstem Aufenthaltsstatus im Bereich Asyl, aber auch die gelegentlich auftauchenden „reisenden Verbrecherbanden“, wie sie die Polizei gerne nennt. Zudem nimmt es die Polizei nicht sehr genau bei der Klassifizierung von Tatverdächtigen hinsichtlich ihres aufenthaltsrechtlichen Status. Ausländerkriminalität ist also ein schwammiger Begriff und darüber hinaus muss man immer die polizeiliche mit der Verurteilungsstatistik vergleichen.

Welche „Risikofaktoren“ gibt es für Kriminalität im Allgemeinen und unter Ausländern im Speziellen? Welche Rolle spielen also die altersmäßige Zusammensetzung und Statusmerkmale wie Bildung, berufliche Stellung und familiäre Situation?

Race, Class, Gender – wie immer. Junge Männer mit schlechten sozialen Lebensbedingungen – meist arbeitslos, meist ohne Familie, meist in prekären Verhältnissen – sind die Gruppe mit dem höchsten Risiko. Ferner gilt: Opfer und Täter bei der Alltagskriminalität kommen oft aus dem gleichen Milieu, es handelt sich um „Intra-Class Crime“.

Das bedeutet: Wandern von einer bestimmten Nationalität vor allem junge Männer ein, wird die Kriminalitätsrate dieser Gruppe höher ausfallen?

Ja, das ist ein einfacher demografischer Zusammenhang. Die Massenkriminalität ist in den letzten Jahrzehnten in Europa auch deswegen zurückgegangen, weil die Gesellschaften gealtert sind. Kommen mehr junge Männer ins Land, steigt relativ gesehen die Kriminalität. Leider kann man weder Geschlecht noch Alter verbieten oder einsperren.

Ist Gewalt vor allem eine kulturelle oder eine soziale Frage?

Gewalt wird aufgrund spektakulärer, medial gehypter Vorfälle überschätzt. Körperliche Auseinandersetzungen sind in ihrer Form, nicht in ihrer Häufigkeit klassenspezifisch. Häusliche Gewalt streut über alle Schichten, wird nur am oberen Ende der sozialen Skala weniger auffällig – man denke etwa an Damen mit Gucci-Sonnenbrille vor dem blauen Auge bei bewölktem Himmel. Oder an so rustikale österreichische Bräuche wie den Perchtenlauf. Da geht es körperlich auch ziemlich zur Sache, aber das gilt dann halt als „Brauchtum“.

Würde man die Statistiken von demografischen und sozioökonomischen Fragen bereinigen, wären dann Ausländer Ihrer Meinung nach immer noch krimineller als Inländer?

Nein, nimmt man etwa diejenigen, die hier typischerweise zählen, also die zweite Generation der Türken, Jugoslawen etc., dann zeigt sich, dass die sogenannte Kriminalitätsbelastungszahl (KBZ) bei ihnen niedriger ist als bei vergleichbaren Österreichern.

Welche Rolle spielt bei diesen Statistiken das sogenannte „Racial Profiling“? Denn je häufiger eine Gruppe in eine Kontrolle gerät, desto häufiger werden Straftaten aufgedeckt, oder?

„Racial Profiling“, wiewohl geleugnet von der Polizei, spielt eine wichtige Rolle und ist als „polizeiliche Suchstrategie“ selbstbestätigend: Wenn ich intensiver suche, finde ich mehr.

Werden eigentlich Straftaten von Ausländern häufiger angezeigt als von Inländern? Beispielsweise bei sexuellen Übergriffen?

Innerhalb der eigenen – kulturellen und ethnischen – Gruppierung kann man auf andere Formen der Konfliktlösung leichter zurückgreifen, zudem gibt es Konjunkturen der Empfindsamkeit. Ein Beispiel ist die Zunahme der Anzeigen nach den Silvesteraufregungen in Köln. Würde man strikt nach den Buchstaben des Gesetzes vorgehen, wäre jedes Zeltfest in der Provinz ein Hort sexueller Übergriffe, nur zählt es da halt zur akzeptierten männlich-österreichischen Flegelhaftigkeit.

Gibt es spezielle Gewaltdelikte, die für gewisse Nationalitäten typisch sind?

Das ist ein Vorurteil. Natürlich gibt es Differenzen im Umgang (beispielsweise zwischen Männern und Frauen) und der Art der Konfliktbewältigung, aber der Umgang mit kulturellen Differenzen sollte nicht als Problem der Kriminalität diskutiert werden. Zudem werden hier einzelne Fälle ins Rampenlicht gestellt und dann wird ohne Zahlengrundlage generalisiert.

Ist es überhaupt zulässig, die Kriminalstatistik nach Ethnien aufzubereiten?

Das ist problematisch, denn wer gehört wozu? Schauen Sie sich das Wiener Telefonbuch an, Wien ist ein ethnischer Schmelztiegel und wie sollte man da zuordnen? Wenn ich mir Namen wie Sobotka oder Doskozil anschaue, die klingen auch nach Zuwanderern zweiter Generation.

Wie redet man am besten über dieses Thema, ohne als Ausländerfeind zu gelten?

Am besten ist es, man begreift den Status Ausländer als ökonomisch-juridisch-sozialen Status, dann wird man nicht zum Opfer von Vorurteilen.

Es gibt Ausländerfeindlichkeit unter Österreichern. Gibt es das auch umgekehrt? Also eine Art Österreicherfeindlichkeit unter Ausländern?

Vorurteile blühen immer und überall und es ist die Aufgabe vernünftiger Politik, für eine Haltung zu werben, die man als „Anerkennung von Differenz“ überschreiben könnte.

Steigt die Angst der Österreicher vor Ausländerkriminalität?

Das ist eine komplexe Frage: Die Angst der Österreicher wird auf Ausländer projiziert, aber sie hat tiefere Gründe. Es ist die Angst vor den täglichen Wirkungen eines risikobehafteten Lebens unter Bedingungen einer sich ändernden Gesellschaft. Insgesamt ist das Sicherheitsempfinden in den Umfragen nach wie vor sehr hoch. Aber die Medien tun das Ihre, um irrationale Sorgen in der Öffentlichkeit zu befeuern.

Was ist die beste Prävention gegen Kriminalität?

Soziale Chancen verbessern, eine Kultur der Anerkennung und des Respekts fördern, angemessene Lebensbedingungen schaffen und Vorurteile abbauen – alles, was gebetsmühlenartig seit 100 Jahren wiederholt wird.

Mit welchen Mythen und Klischees werden Sie beim Thema Ausländerkriminalität am häufigsten konfrontiert?

Sexuelle Zügellosigkeit der Südländer, alles Wirtschaftsflüchtlinge und Sozialschmarotzer, von Haus aus kriminelle Neigungen etc. Dagegen ist schwer anzukommen, weil faktenfreie Vorurteile durch Fakten nicht widerlegt werden können.

Worauf sollte man bei der öffentlichen Diskussion über dieses Thema besonders achten?

Man sollte es mit Wittgenstein halten: Worüber man nicht reden kann, darüber sollte man schweigen. Ich kann das stirnrunzelnde oder aufgeregte Gerede über die kriminellen Ausländer nicht mehr hören. Und zudem muss man immer in längeren Zeiträumen denken: Jede „Welle“ der Einwanderung wird sich in zwei, drei Generationen etablieren und die Gesellschaft voranbringen. Der erste Kennedy war Alkoholschmuggler und nach drei Generationen war ein Spross der Familie Präsident der USA. Ich warte auf den ersten österreichischen Bundespräsidenten muslimischen Glaubens. Und zwar nicht im Kalifat Kakanien, sondern in der Republik Österreich. 

Reinhard Kreissl ist Soziologe und Publizist. Er leitete das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie in Wien und gründete 2015 das Vienna Centre for Societal Security (VICESSE). Bis 2013 war Kreissl einige Jahre lang Mitglied der Security Advisory Group der EU-Kommission.