08 Gemeinschaft
09.04.18

„Ohne einen klaren eigenen Standpunkt gerät der Mensch schnell in eine Verunsicherung. Dies führt zur Angst vor dem Fremden.“

Interview mit Matthias Beck

Matthias Beck betont, dass sich alle Mitglieder einer Gesellschaft mit deren Grundwerten, ihrer Kultur sowie dem Rechtssystem im weitesten Sinne identifizieren oder zumindest deren Grundbestand akzeptieren müssen. Je inhomogener eine Gesellschaft ist und je mehr Kulturen bzw. Religionen aufeinandertreffen, desto größer ist die Gefahr der Verunsicherung unter den Menschen und die Gefahr der Desintegration.

Wie würden Sie Zusammenhalt in einer Gesellschaft definieren?

Der Zusammenhalt einer Gesellschaft besteht unter anderem darin, dass sich alle Mitglieder mit den Grundwerten der Gesellschaft, der Kultur und dem Rechtssystem im weitesten Sinne identifizieren können oder zumindest deren Grundbestand akzeptieren. Das heißt nicht, dass alle immer einer Meinung sein müssen und dass nicht um konkrete Fragen gestritten wird. Aber ein Grundkonsens über Freiheit, Menschenwürde, Gleichberechtigung und Demokratie muss gegeben sein. Ein solcher Zusammenhalt, der von innen kommen sollte und nicht von außen aufgezwungen ist – wie in totalitären Staaten – ist für eine Gesellschaft enorm wichtig.

Was kann ohne diesen Zusammenhalt und ohne Gemeinschaft in einer Gesellschaft passieren?

Es können sich Parallelgesellschaften entwickeln oder Ausgrenzungen stattfinden gegenüber Menschen anderer Kulturen oder von Minderheiten. In einem Land mit vielen Kulturen, Ethnien und Religionen müssen die Menschen aufeinander zugehen und sich bemühen, den anderen in seiner Andersartigkeit zu verstehen und zu akzeptieren. Das darf aber nicht bedeuten, dass ein Land wie Österreich seine eigenen Wertvorstellungen relativiert oder aufgibt. Sie haben sich als sehr tragfähig erwiesen. Man braucht klare Standpunkte, um überhaupt diskussionsfähig zu sein und ringen zu können um den rechten Fortgang der Demokratie. Ohne den Zusammenhalt, der auf gemeinsamen Werten wie Menschenwürde, Solidarität und Subsidiarität basiert, kann das Gemeinwohl nicht funktionieren. Es besteht sonst die Gefahr, dass die Schere zwischen arm und reich größer wird, fremdsprachige Bürger aus anderen Kulturen und Religionen nicht integriert werden und ein Leben lang fremd im Land bleiben. Das kann zu enormen Spannungen und Aggressionen führen. Aber auch die Ängste der einheimischen Bürger vor Überfremdung müssen ernst genommen werden.

Was genau unterscheidet eigentlich eine Gesellschaft von einer solidarischen Gesellschaft?

Genau die Punkte, die ich eben genannt habe. Ohne Solidarität untereinander und auch mit den Schwächeren einer Gesellschaft besteht die Gefahr, dass sich eine „Gemeinschaft“ von Egoisten durchsetzt, die nur auf ihr eigenes Fortkommen schaut und nicht auf den anderen Menschen. Das kann auf den ersten Blick wie ein Erfolgsrezept aussehen: Jeder ist sich selbst der Nächste. Aber eine Ellbogengesellschaft kann auf Dauer zu einer Entsolidarisierung unter den Bürgern und zu den genannten Phänomenen wie Desintegration, Parallelgesellschaften und Ausgrenzungen führen.

Von welchen Faktoren hängt der Zusammenhalt in einer Gesellschaft ab? Oder anders gefragt: Sind plurale Gesellschaften, die besonders multikulturell geprägt sind, stärker gefährdet, ihren Zusammenhalt zu verlieren?

Je inhomogener eine Gesellschaft ist und je mehr unterschiedliche Kulturen und Religionen aufeinandertreffen, desto größer ist die Gefahr der Verunsicherung der Menschen und die Gefahr der Desintegration. Desto besser sollte sich der einzelne Mensch in seiner Tradition, Kultur und Religion auskennen, um einen klaren Standpunkt vertreten zu können. Erst dann kann er sich mit anderen Kulturen und Religionen wirklich auseinandersetzen. Er sollte in der eigenen Kultur gut beheimatet sein, damit er Auskunft geben kann über seine kulturellen und religiösen Hintergründe. So kann er in einen guten Dialog mit anderen Kulturen und Religionen treten und versuchen, die anderen kennenzulernen und zu verstehen. Ohne einen klaren eigenen Standpunkt gerät der Mensch schnell in eine Verunsicherung. Dies führt zur Angst vor dem Fremden. Bei der Integration von Flüchtlingen geht es aber auch um die Zahl der Menschen, die aus fremden Kulturen kommen. In eine Gruppe von 20 Menschen sind vielleicht fünf oder sechs Hinzukommende zu integrieren, aber nicht 20.

Weil Sie die Kultur erwähnt haben: Wie wichtig ist ihre Rolle für den Zusammenhalt und für die Gemeinschaft in einer Gesellschaft?

Die Kultur spielt eine ganz bedeutsame Rolle bei Integration, oft eine größere als die Religion. Menschen haben bestimmte kulturelle Verhaltensmuster gelernt bis hin zu Esskulturen, Höflichkeitsregeln, Gesprächskultur oder die Kultur der religiösen Rituale. Wenn der Dialog gelingt, können auch multikulturelle Länder sehr stabil sein. Wenn er nicht gelingt, kann dies eine große Gefahr für die Stabilität einer Gesellschaft sein.

Um konkret zu werden: Welche Ereignisse und Entwicklungen sind typische Beispiele dafür, den Zusammenhalt zu erschüttern? Und was sind die ersten Anzeichen für eine solche Entwicklung?

Wenn die Ausländerfeindlichkeit zunimmt, weil die Menschen sich verunsichert fühlen, kann dies ein erstes Symptom dafür sein, dass der innere Zusammenhalt einer Gesellschaft verloren geht. Wenn Menschen in der U-Bahn ihre Muttersprache nicht mehr hören, fühlen sie sich an den Rand gedrängt und fürchten um die eigene Identität und die Identität des eigenen Landes. Wenn die konkrete Hilfsbereitschaft abnimmt und Menschen achtlos am Leid anderer vorübergehen, ist auch das ein Zeichen für den Verlust von Solidarität und Zusammenhalt einer Gemeinschaft. Und schließlich ist es „gefährlich“, wenn der Alltagsstress so groß wird, dass sich jeder nur noch um sich selbst und sein Überleben kümmert, der Blick auf den anderen verloren geht und keine Kommunikation mehr unter den Menschen stattfindet. Auch das Handy am Tisch ist ein Indiz dafür, dass Familienmitglieder kaum noch miteinander sprechen. Vier Personen sitzen am Tisch und jeder schaut in sein Handy. Verlust von Gemeinschaft beginnt im Kleinen.

Wie kann man den Zusammenhalt seitens der Politik und als einzelner Bürger fördern?

Die meiste Arbeit muss wohl die Gemeinde vor Ort leisten oder die noch kleinere Struktur der Familie. Wichtig ist gemeinsames Tun: Sport treiben, musizieren, sich austauschen über verschiedene oder gemeinsame Hintergründe, Gewohnheiten und Sichtweisen. Wichtig ist auch, gemeinsam zu feiern und zu essen. Das gegenseitige Kennenlernen kann Hürden, Hindernisse und Vorbehalte gegenüber dem anderen minimieren. Oft ist es das Unwissen, das Schranken dem Fremden gegenüber aufbaut. Es gilt, die Neugierde für das Andere und Fremde bzw. den Anderen und die Andere offenzuhalten.

Welche Folgen haben die Herausforderungen der Flüchtlingsintegration auf den Zusammenhalt?

Die Flüchtlingsfrage hat ganze Gesellschaften, Gemeinden, ja sogar Ehen gespalten: Die einen haben gesagt, wir müssen unbedingt den in Not Geratenen helfen, auch aus christlicher Nächstenliebe. Und andere haben davor gewarnt, dass das eigene Land von Fremden übervölkert wird. Das Fremde ist unbequem. Wie soll man Menschen aus anderen Kulturen und Religionen integrieren? Manche sind sehr willig und freuen sich über die Errungenschaften der Demokratie mit Freiheit, Menschenwürde und Hilfe für die Unterdrückten bzw. Ausgestoßenen. Andere machen sich vielleicht lustig über die Schwäche der Demokratie. Wieder andere wollen sie unterhöhlen und ihr den eigenen Stempel aufdrücken, wieder andere bekämpfen sie aktiv und benutzen die hier gewährte Freiheit, um die Grundlagen der Freiheit zu zerstören. Wenn Flüchtlinge nicht schnell die Sprache lernen und in den Arbeitsprozess integriert werden, besteht die Gefahr, dass sich Parallelgesellschaften wie zum Beispiel in Frankreich bilden. Dort gibt es No-Go-Areas, wo die Polizei kaum noch hineingeht, weil dort die Scharia herrscht. Integrationsprozesse gelingen nur, wenn die Sprache schnell gelernt wird und die Berufsintegration möglichst bald geschieht. Auch das religiöse Umfeld sollte dabei Beachtung finden. 

Welche Rolle nimmt die Religion, insbesondere der Islam, dabei ein?

Das größte Problem für die Flüchtlinge sind die fremde Sprache, die andere Religion und Kultur (oder auch gar keine Religion), andere Gebräuche und schließlich eine andere Rechtsform als in ihren Herkunftsländern. Auch das Klima spielt gerade jetzt im Winter eine Rolle. Aus manchen Ländern kommen zum Teil gut ausgebildete Menschen, die allerdings hier oft mühsam bestimmt Berufsabschlüsse nachholen müssen. Es kommen aber auch Analphabeten und Menschen aus sehr armen Ländern. Oft sind sie durch Krisen und Kriege traumatisiert. Sie kommen hier in ein sehr reiches Land, in dem vieles sehr gut funktioniert, in dem aber auch hart gearbeitet wird mit einer Alltagsgeschwindigkeit, die manche überfordert. Der Graben zwischen den politischen und wirtschaftlichen Situationen zwischen den Herkunftsländern und unserer hochentwickelten technisierten Kultur, aber auch die ethischen Standards von Menschenwürde, Gleichheit aller Menschen mit Sozialsystemen ist für manche fremd und überfordert die Menschen. Umgekehrt fühlen sich Österreicher – wie gesagt – an den Rand gedrängt, wenn sie von zu vielen Ausländern umgeben sind und kein deutsches Wort mehr hören. In einigen Fällen werden auch Christen als Ungläubige beschimpft. Wer vom Islam zum Christentum konvertieren will, wird zum Teil mit dem Tod bedroht. Also hier müssen sich auch der Islam und seine Vertreter klar bekennen zur Freiheit und Demokratie mit Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit, die bedeutet, dass jemand auch seine Religion wechseln und konvertieren kann.

Bleiben wir kurz bei der Rolle der Religionen: Fördern oder behindern sie den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt in einer pluralen Gesellschaft?

Das hängt stark von den Religionen selbst ab, oder genauer von den religiösen Menschen. Das Christentum ist eine Religion des Friedens, der Nächstenliebe, der Feindesliebe und der Solidarität in der Gemeinschaft. Es ist also von seinem Grund her sehr gemeinschaftsfördernd. Leider wurde das nicht immer in der Geschichte so gelebt, wie zum Beispiel Religionskriege zeigen. Menschen unterschiedlicher christlicher Konfessionen haben gegeneinander gekämpft. So tun es heute manche muslimische Gruppen. Bleiben wir beim Christentum: Es ist eine Frieden stiftende Religion. Allerdings wissen viele Menschen nicht, was das Christentum ist. Daher ist hier Aufklärung und Bildung notwendig. Im Christentum ist es wichtig, sich auch um Randgruppen, Arme und Kranke zu kümmern. Sozialsysteme mit Versicherungen sind hier die strukturelle Umsetzung. So mag sich jede Religion fragen, wie viel Friedensarbeit sie leistet und wie viel sie inhaltlich zur Gemeinschaftsbildung beitragen kann, vor allem in einer pluralistischen Gesellschaftsstruktur. Der Dalai Lama meinte einmal, Ethik sei wichtiger als Religion. Allerdings zitiert er in dem kleinen Büchlein, das seine Gedanken wiedergibt, oft aus der Bergpredigt, also aus einer christlichen Quelle. 

Eine etwas provokante Frage: Braucht es für die Integration überhaupt Zusammenhalt in einer Gesellschaft?

Integration ist ohne Zusammenhalt nicht möglich, alle müssen zusammenarbeiten. Beide Bereiche bedingen einander. Ohne Integration kein Zusammenhalt und ohne Zusammenhalt keine Integration.

Wenn Sie alle Werte aufzählen müssten, die dabei helfen, den Zusammenhalt zu fördern – welche wären das?

Werte wie Solidarität, Subsidiarität, Nächstenliebe, Selbstliebe, Feindesliebe, Wohlwollen, Gerechtigkeit, Klugheit, innere Stärke fördern den Zusammenhalt, während Gier, Neid, Hass, Eifersucht, Hochmut, Arroganz und innere Unsicherheit eher den Zusammenhalt schwächen.  

Ist die Demokratie derzeit grundsätzlich in Gefahr?

Ich glaube nicht, sie hat sich bisher als stabil und „wehrhaft“ erwiesen, aber für die Freiheit muss immer wieder neu gekämpft werden, sie fällt den Menschen nicht einfach in den Schoß.

Eine letzte Frage zum Zusammenhalt bzw. zur Gemeinschaft in Österreich: Was bereitet Ihnen ganz persönlich Sorgen?

Dass Muslime, die zum Christentum konvertieren wollen, zum Teil benachteiligt oder sogar mit dem Tode bedroht werden. Auf Glaubensabfall (Apostasie) – also das Verlassen der Religion – steht nach der Scharia in einigen Ländern die Todesstrafe. Es wäre sehr hilfreich, wenn sich Muslime in Österreich und anderen europäischen Ländern davon klar distanzieren würden und sich dafür einsetzen, dass die Religionsfreiheit, die hier jeder Mensch genießt, auch für Muslime gilt, die zu einer anderen Religion übertreten wollen. Die Frage, ob die Integration der Flüchtlinge dauerhaft gelingt, hängt zum einen von den hier lebenden Bürgern ab, zum anderen aber auch von denjenigen, die hinzukommen und signalisieren müssen, dass sie sich integrieren (lassen) wollen. Der Prozess wird noch einige Jahre in Anspruch nehmen.

Matthias Beck ist Universitätsprofessor für Moraltheologie mit Schwerpunkt Medizinethik an der Universität Wien. Er studierte sowohl Pharmazie und Humanmedizin als auch Philosophie sowie römisch-katholische Theologie. Unter anderem ist er Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben – Pontificia Academia Pro Vita und der österreichischen Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt.