02 Islam europäischer Prägung
29.05.17

„Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, aber es bedeutet nicht, im Namen dieser Religionsfreiheit für sich Sonderrechte zu beanspruchen.“

Interview mit Jasmin El-Sonbati

Jasmin El-Sonbati begrüßt die Forderung nach einem Islam europäischer Prägung. Sie definiert den Islam europäischer Prägung als einen Islam, der sich dem demokratischen Rechtsstaat unterordnet und an den spezifischen Gegebenheiten des Landes orientiert.

Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz unterstützt die Forderung nach einem „Islam europäischer Prägung“. Begrüßen Sie diese Forderung?

Ich kann diese Forderung nachvollziehen und begrüße sie auch. Als Aktivistin für einen liberalen Islam bin ich mit Mitstreitern aus Europa, Großbritannien und den USA Teil eines solchen „Islam europäischer Prägung“. Das ist im Übrigen eine Forderung, die auch von islamischer Seite gestellt wird, besonders von besagten liberalen Muslimen. Diese Stimmen dringen aber noch zu wenig an die Öffentlichkeit.

Woran liegt das?

Dieser Islam wird von Personen an Universitäten vertreten, sie kommen aus der islamischen Theologie oder der Religionspädagogik. Das sind Fächer, die an mehreren deutschsprachigen Universitäten gelehrt werden. Oder es sind ganz einfache Muslime, die ihr Religionsverständnis– oder besser gesagt die damit verbundene Praxis – in den europäischen Kontext stellen wollen. Interessanterweise sind viele Frauen darunter. Die konventionellen Moscheevereine und Islamverbände der ersten Migrantengeneration sind aber in der öffentlichen Debatte diejenigen, die den Islam prägen. Sie beanspruchen die Deutungshoheit für sich und treten als die einzigen Ansprechpartner des Staates auf. Sie vertreten einen konservativen Islam, der sich am Islamverständnis des jeweiligen muslimischen Herkunftslandes orientiert. Meiner Erfahrung nach sind die muslimischen Vereine aus dem Balkan, allen voran die bosnisch und mazedonisch geprägten Gruppen, die liberalsten unter den konventionellen Vereinen, zumindest in der Schweiz. Sie kommen am ehesten an einen „Islam europäischer Prägung“ heran.

Wie genau definieren Sie „Islam europäischer Prägung“?

Das ist ein Islam, der sich an den spezifischen Gegebenheiten des Landes, also Österreich, Deutschland oder der Schweiz orientiert und nicht umgekehrt. Er bewegt sich ausschließlich innerhalb des demokratischen Rechtsstaats, wird von ihm sozusagen begrenzt, ordnet sich ihm unter. Mit anderen Worten: Menschenrechte, die Gleichheit von Mann und Frau, das Recht des Individuums auf freie Entscheidung und Lebensgestaltung fließen unmissverständlich in die gelebte Praxis der Religion des Islam ein. Der hier verortete Islam muss auf ihnen gründen und zwar ohne Wenn und Aber und ohne Relativierung. Und damit wären wir bereits bei einer ersten Herausforderung, nämlich der Kompatibilität vor allem der konservativen bis hin zur orthodoxen Auslegung des Islam mit diesen Parametern. Um diese Kompatibilität gilt es sich zu bemühen. Wir müssen Lesarten, das heißt Interpretationen favorisieren, die es Muslimen ermöglichen, ihren Glauben leichten Herzens zu leben, ohne in Konflikt mit dem Rechtsstaat zu geraten und ohne das Gefühl, man könne in Europa seine Religion nicht praktizieren. Die hierzulande tätigen Religionsvertreter und -vermittler tragen die Verantwortung, „Ishtihad“ zu betreiben.

Damit meinen Sie das Bemühen, die islamischen Quellen zeitgemäß zu deuten?

Genau. Hier stockt es gewaltig. Ansätze für zeitgemäße Interpretationen fehlen an der Basis. Die Lehrmeinung, welcher Islam jetzt zu gelten habe, ist an sich ein Widerspruch, denn letztendlich hat jeder Mensch in einem „Islam europäischer Prägung“ die Freiheit, selbst zu entscheiden. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir uns kritisch mit allem auseinandersetzen können. In der wir Fragen stellen können, dürfen und – wenn es sich um absolut daherkommende Ideologien oder Glaubensauffassungen handelt – dazu auch verpflichtet sind. Diese Fähigkeit wird in den islamischen Ländern weder gefördert noch ist sie erwünscht. Was dem „Islam europäischer Prägung“ inhärent ist, ist seine Heterogenität. „Den“ Islam gibt es genauso wenig, wie es „die“ Muslime gibt. Wir sind eine diverse Community mit individuellen Glaubensauffassungen, die nicht über einen Kamm geschert werden sollten. Jeder glaubt, was er will und wie er es will, natürlich im Rahmen des Rechtsstaats. Die Beziehung zum Schöpfer ist eine persönliche. Schließlich engagieren sich ein „Islam europäischer Prägung“ bzw. die Menschen, die sich ihm zugehörig fühlen, für das Gemeinwohl der Gesellschaft. Sie nehmen aktiv an der Zivilgesellschaft teil und befördern Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit.

Impliziert diese Bezeichnung nicht, dass der Islam an sich nicht europäisch und somit westlich praktikabel ist und einer „Reform“ bedarf?

Eigentlich ist es völlig irrelevant, ob der Islam europäisch ist oder nicht. In dem Moment, in dem sich muslimische Menschen in Europa aufhalten, ist er es. Abgesehen davon lebten sehr wohl Muslime in Europa, im ehemaligen Jugoslawien nämlich. Also lassen wir diese Wortklaubereien, diese Diskussionen führen ins Leere.

Was missfällt Ihnen denn an dieser Frage?

Die implizite Behauptung, der „Westen“ stehe per se über „dem Islam“. Es gibt Werte, die wir als Muslime aus unserem religiös-kulturellen Erbe mitbekommen haben, die im Westen – zumindest im nördlichen Teil des Westens – nicht so gelebt werden wie bei uns. Ich denke vor allem an die Gastfreundschaft, den Umgang mit älteren Menschen, die Liebenswürdigkeit im Alltag. Deshalb schlage ich vor, zu präzisieren und uns darüber Gedanken zu machen, ob gewisse Auslegungen und Handlungen, die sich aus einem buchstabengetreuen Verständnis aus der Entstehungszeit des Islam ableiten, in den westlichen Gesellschaften Probleme machen können oder nicht. Es ist zentral, darüber zu reflektieren. „Westlich praktikabel“ heißt also in der Folge, muslimische Menschen bewegen sich in ihrer Auslegung der Religion innerhalb des rechtstaatlich-freiheitlichen Konzepts. Und in diesem Bereich gibt es tatsächlich Probleme, die wir ansprechen müssen. Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, aber es bedeutet nicht,  „anything goes“ oder gar im Namen dieser Religionsfreiheit für sich Sonderrechte zu beanspruchen.

Wenn über Integration gesprochen wird, wird meistens auch über den Islam gesprochen, über andere Religionen hingegen kaum. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das ist in der Tat problematisch. Das ist eine sehr einseitige Sicht, eine Ungleichbehandlung, und unterscheidet in „alteingesessene“ und „zugezogene“ Religionen. Was bringt uns diese Diskussion? Nichts. Die Menschen, die hier in diesem Land leben, sind in ihrer Gesamtheit für Integration verantwortlich, ob Muslime oder Nicht-Muslime. Das Recht auf individuelle Lebensgestaltung ist ein Grundpfeiler dieser Gesellschaft, jeder darf nach seiner Façon selig werden. Alle, ob religiös, religionsfern, säkular oder ohne Bekenntnis, haben das Recht, zu koexistieren und sich gegenseitig darin zu bestärken, dies zu tun. Integration ist eine „Two Way Road“, sie ist nie einseitig. Der Islam ist immerhin eine anerkannte Religionsgemeinschaft seit 1912, er gehört also sehr wohl seit mehr als einem Jahrhundert zu diesem Land, ohne dass es im Zusammenleben Probleme gegeben hat. Es ist eigentlich sogar eine Erfolgsgeschichte.

Sie erkennen wirklich eine Erfolgsgeschichte?

Ja. Aber was ist passiert, dass Sie mir diese Frage stellen? Warum entstehen Reibungen, Ungereimtheiten im Zusammenleben mit Menschen muslimischen Glaubens? Das heißt, bestehen diese wirklich oder wird hier verallgemeinert? Ich denke, das lediglich ein kleiner Teil der hier lebenden Muslime wirklich Probleme hat, sich zu integrieren. Nämlich diejenigen, die orthodoxen oder ultraorthodoxen Auslegungen folgen. Die überwiegende Mehrheit lebt ganz normal, ohne viel Aufhebens um ihre Religion zu machen. Etwas salopp gesagt: Man geht in die Moschee, feiert Weihnachten, geht in den Heurigen und zum Faschingsball. Das geht alles wunderbar zusammen und wird auch gelebt. Es ist nur eine kleine Minderheit, die auf sich aufmerksam macht.

Und das ziemlich lautstark und öffentlichkeitswirksam ...

Ich denke, die Tatsache, dass der konservative bzw. orthodoxe oder ultraorthodoxe, von islamischen Staaten – allen voran Saudi-Arabien mit Hilfe seiner Petrodollars – in alle Welt hinausgetragene Wahabismus eine entscheidende Rolle darin spielt, dass es plötzlich ein „Problem“ gibt. Dazu eine biografische Note: Mein Vater kam in den 50er-Jahren nach Wien zum Studieren, er hat von sich behauptet, er sei „ein echtes Weana Kind“. Die jungen muslimischen Ägypter sind eingetaucht in die Wiener Gesellschaft der Nachkriegszeit. Religion war kein Thema. Als ich in den 80er-Jahren in Wien mein Studium begann, war es genau gleich. Religion interessierte niemanden. „Wir“ muslimischen Studierenden lebten sehr gut, ob einheimisch oder zugereist. Aber Mitte der 80er-Jahre begann sich langsam etwas zu verändern.

Was hat sich verändert?

Die muslimische „Infrastruktur“ nahm andere Züge an. Religion wurde sichtbarer, wie in den islamischen Kernländern selbst. Meine Tanten, alle in den 30er-Jahren in einem Dorf im Nildelta geboren, zogen sich früher nach der neuesten Mode an, ohne körperverhüllende Requisiten, sie waren trotzdem fromme, stolze Musliminnen. Natürlich war man auf dem Land immer wertkonservativer, auch in der Kleidung. Aber ab den 70er-Jahren änderte sich das peu à peu, das Kopftuch war das erste äußere Zeichen für diese Wende. Eine fatale Wende, meines Erachtens. Denn die inneren Werte, die mit der Religion des Islam verbundene Spiritualität wurden auf Kosten des äußeren Erscheinungsbildes abgedrängt. Das ist die große „Krankheit des Islam“, wie es Abdelwahab Medeb, der verstorbene tunesische Philosoph, ausdrückte.

Sehen Sie Widersprüche bzw. Reibungspunkte zwischen dem Islam und europäischen Traditionen und Werten?

Ja, diese gibt es in der Tat. Jedoch betrifft das nur die kleine muslimische Minderheit, von der schon die Rede war, die eine konservative bis ultrakonservative Lesart für sich als die einzig wahre betrachtet. Diese Menschen leben in einem Korsett von selbstauferlegten Regeln. Regeln, die ihnen als genuin islamisch verkauft werden. Eine Art „Neoislam“, der den Menschen seines freien Willens beraubt, wo sich der Mensch zum Sklaven der Gebote macht – ob diese nun Sinn ergeben oder nicht. Es ist ein Islam, der mir als Muslimin fremd ist. Ich erkenne zum Teil meine eigene Religion nicht wieder, zu sehr ist sie besetzt von Intoleranz und der Überzeugung, die einzig wahre Religion zu sein. Jedenfalls ist das nicht der Islam meiner Kindheit in Ägypten. Der Islam, mit dem ich aufgewachsen bin. Da ging es nur darum, gut zu den Mitmenschen zu sein, ehrlich zu sein, Mitgefühl für die Bedürftigen zu haben und für sie zu spenden. Ob man beten oder fasten wollte, war einem freigestellt.

Woher kommt dieser „Neoislam“ Ihrer Meinung nach?

Er ist dem Vordringen der wahabitisch-saudischen Religionslehre geschuldet, die die gesamte islamische Welt zu ihrem geistigen Einzugsgebiet gemacht hat und auch sonst überall in der Welt versucht, sich durchzusetzen oder es bereits getan hat. Islamische Geistliche sind von diesem Islam beeinflusst, nicht in ihrer Gesamtheit natürlich, aber in der Mehrzahl. Grundsätzlich herrscht eine konservative Lesart vor.

Was geschieht nun bei uns? Wie positionieren sich hiesige Islamverbände in ihrer Glaubensauslegung? Ich beobachte, dass diese sich zu sehr an einem Islam orientieren, der zu konservativ, zu starr ist. Mir fehlt die Öffnung hin zur Gesellschaft. Das Entwickeln von Positionen, die es den Menschen leicht machen, den Glauben zu leben, fehlt. Es herrscht so eine Art „Abgrenzungsnarrativ“ im Sinne von „wir Muslime machen das anders“. Wieso ist das so? Natürlich, manche Rituale unterscheiden sich von denjenigen anderer Religionsgemeinschaften, aber warum deklarieren sich Muslime zu einer anderen Spezies? Erstens haben sie die gleichen Rechte und Pflichten im Staat, zweitens sind sie als menschliche Wesen den gleichen Lebensaufgaben ausgesetzt. Es gibt keine islamische Art des Leidens, des Liebens, des Sterbens. Das ist überspitzt formuliert, aber der neoislamische „Weg“ suggeriert eine Andersartigkeit im Umgang mit den gewichtigen Lebensfragen, die es nicht gibt. Ein weiteres Problem sehe ich in der Repräsentation, die fast schon eine „Repräsentationsmanie“ ist. Keine Institution hat das Recht, für alle zu sprechen. Im Islam, das dringt leider zu wenig durch, gilt die persönliche Freiheit – ein Konzept, das wir wiederaufleben lassen müssen, denn von persönlicher Freiheit spüre ich recht wenig.

Welche Rolle spielen die Verbände in diesem Zusammenhang?

Die Verbände vereinigen in sich viel Wissen über die Religion, das ist positiv und es wäre ein großer Gewinn, dieses Wissen in Hinblick auf moderne, zeitgemäße Lesarten zu entwickeln. Stattdessen verharren sie oft in Debatten, die sich in unwesentlichen Dingen erschöpfen, wie der leidigen Kopftuchdebatte oder etwa, ob Mädchen am Schwimmunterricht teilnehmen dürfen. Diese Dinge gehören nicht mehr diskutiert, wir sollten sie überwunden haben. Haben wir als Muslime nichts Wichtigeres zu tun? Sollten wir nicht mit Werten in die Gesellschaft hineinwirken, die das Miteinander stärken? Die sich abgrenzenden „Beschlüsse“ und „Rechtsgutachten“, die gefasst bzw. herausgegeben werden, bewegen sich an der gelebten Realität im europäischen Land vorbei. Vor allem propagieren sie einen Islam, der sich durch Äußerlichkeiten auszeichnet, durch äußere Symbole. Und dieser „Weg nach außen“ ist dem „Weg nach innen“ gewichen. Das ist auch in den islamischen Kernländern so. Im Ägypten meiner Kindheit in den 60er-Jahren herrschte in Religionsdingen viel mehr Freiraum, die religiöse Prägung war bei Weitem nicht so wie jetzt. Es geht nur noch um „halal“, erlaubt, und „haram“, verboten. Der Islam ist zu einem Regelkorsett mutiert, das von Männern bestimmt wird. Das ist die noch größere Krux, um ein christliches Symbol zu benutzen. Frauen sind in theologischen Debatten und in der Liturgie innerhalb der Moschee absent. Es herrschen wie in unseren patriarchalen Gesellschaften auch in der Religion die Regeln des Mannes. In diesem Sinne, ja, wir brauchen eine Reform. Nicht nur Muslime in Europa, sondern weltweit.

Bietet der Islam Ihrer Meinung nach mehr Raum für Gewalt und Radikalismus als andere Religionen wie das Christentum, Judentum oder der Buddhismus?

Nein, das auf keinen Fall. Jede Religion bzw. deren Vertreter streben nach Machtzuwachs. Religion wird zu Machtzwecken missbraucht. Es ist müßig, die Verbrechen der katholischen Kirche im Namen Gottes aufzulisten, das ist hinlänglich bekannt. Was jedoch sicher eine Rolle spielt, sind die herrschenden geopolitischen Verhältnisse. Derzeit wird der Islam im Namen einer menschenverachtenden Terrorgruppe wie dem sogenannten Islamischen Staat missbraucht. Und diese Taten werden islamisch legitimiert. Terror ist nicht Islam, genauso wenig wie Christentum gleich Verbrechen ist oder war, aber die theologische Herleitung ist eben doch islamisch.

Was heißt das nun genau?

Das heißt, wir können nicht sagen, der Terror habe nichts mit dem Islam zu tun. Das hat er. Der IS verwendet die gleichen Quellen wie jeder Imam in einer Moschee. Deshalb ist es wichtig, diese Quellen zeitgemäß zu interpretieren, die Varianten weiterzubringen, die Liebe und Selbstkompetenz des Menschen zu fördern. Von den strafrechtlichen Aspekten muss man sich ein für alle Mal verabschieden. Man kann sie wissenschaftlich untersuchen, herleiten, wie es zu den Körperstrafen der Sharia kam. Aber diese zu relativieren, als Handlungshinweise zu akzeptieren, weil sie vermeintlich im Koran stehen – was sie im Übrigen nicht immer tun, vieles ist Interpretationsrecht – ist absolut inakzeptabel. Sharia bedeutet übrigens „der rechte Weg“. Heute ist er zum „Weg des islamischen Prügelknaben“ geworden.

Wie gut oder schlecht funktioniert das Zusammenleben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Österreich?

Es funktioniert. Genauso wie es in der Schweiz und in Deutschland funktioniert. Aber es gibt Reibungen, ich habe sie bereits erwähnt. Sie beziehen sich auf eine kleine Minderheit, die ihren Islam in Parallelwelten leben will, sich abwendet und gleichzeitig von den Errungenschaften des Rechtsstaats profitiert und durch ihn geschützt wird. Man hat sicher in der Vergangenheit über einige Dinge hinweggeschaut. Wen hat es schon interessiert in den 80er- und 90er-Jahren, was in den Moscheen für Haltungen verbreitet werden und welchen Einfluss diese auf die muslimischen Gemeinschaften haben können? Das hat sicher damit zu tun, dass es uns wirtschaftlich besser ging. Es gab noch kein Gerangel um die Suppentöpfe wie heute. Der 11. September hat wesentlich dazu beigetragen, dass dem Islam das Image der Gewaltreligion anhaftet. Hier müssen wir Muslime Antworten finden und nicht wie so oft in der Defensive verharren und uns als Opfer der Medien sehen. Sicher, die Medienberichterstattung ist zum Teil reißerisch, aber das entbindet uns nicht von der Wahrheit, dass sich hier eine gewaltbereite Variante unserer Religion entwickelt und verbreitet hat, was im heutigen IS gemündet hat. Die Zunahme an salafistischem Gedankengut und die Anziehung, die diese auf Jugendliche hat, ist beängstigend. Da müssen wir Muslime reagieren.

Wurde bisher zu wenig reagiert?

Das finde ich schon, ja. Was mich sehr beunruhigt und was auch die muslimischen Verbände in Österreich beunruhigen sollte, ist die Skepsis, mit denen Nicht-Muslime den hier lebenden Muslimen begegnen. Denn diese Skepsis wird wiederum von Rechtsparteien populistisch ausgeschlachtet. Das sind alles Aspekte, die das Negativimage des Islam und der Muslime beflecken.

Was würde es Ihrer Meinung nach brauchen, um das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen in Österreich weiter zu verbessern?

Seit Generationen leben Muslime in Österreich. Dass diese Frage immer noch gestellt wird, ist meiner Meinung nach eine Art der verbalen Ausgrenzung. Das Zusammenleben funktioniert, der Rechtsstaat begrenzt uns alle, der Wille in einem Land mitzugestalten, in dem Gerechtigkeit und gleiche Chancen für alle gelten, bestimmt das Zusammenleben aller. Auch wir Muslime müssen uns in der hiesigen Gesellschaft, die für die meisten von uns ohnehin die unsrige ist, positiv einbringen, so wie alle anderen auch. Ich wiederhole mich, aber es ist wichtig: Wir leben in einem Land, in dem man immer Dinge verbessern kann, das steht außer Frage. Aber wir leben in Freiheit, wir können uns äußern, unsere Religion leben oder uns von ihr distanzieren. Diese Vorteile haben unsere Glaubensbrüder und -schwestern in den muslimischen Ländern nicht. Wir Muslime brauchen keine besondere Behandlung, wir sind Bürger wie alle anderen auch. Wichtig wäre, dass liberale Muslime ermuntert werden, sich zu „outen“, das tun sie zu wenig. Vielleicht, weil sie es nicht für nötig halten, weil ihr Leben so, wie es ist, in Ordnung ist.

Für sie ist Religion eben Privatsache. Sie wollen nicht öffentlich darüber diskutieren oder darauf reduziert werden.

Aber die liberalen Stimmen sollten viel mehr an die Öffentlichkeit. Es ist ein sehr gutes Zeichen, dass islamische Theologie hier an den Universitäten Wien und Innsbruck gelehrt wird. So entstehen wissenschaftliche Parameter, die in die Gesellschaft hineinwirken können und auch werden. Schließlich müsste der liturgische Raum der Moschee in völliger Gleichberechtigung den Frauen geöffnet werden – oder die Frauen „erobern“ sich diesen Raum, nicht mit Schwert und Sichel natürlich, sondern mit Initiativen zusammen mit den Landeskirchen zum Beispiel. Wir haben in der Schweiz die Initiative „Offene Moschee Schweiz“ gegründet, sie steht noch am Anfang, aber es geht genau um diesen Ansatz: Moschee für alle von allen, Frauen beten vor, es sind alle willkommen. Das ist der Part der Muslime. Der Staat muss weiterhin den Boden dafür schaffen, dass Glaubensfreiheit herrscht. Er muss aber auch seine Kontrollfunktion wahrnehmen, wenn gewisse Glaubensgemeinschaften – nicht nur die muslimische – den rechtsstaatlichen Raum verlassen oder ihn in Frage stellen bzw. sich von ihm abwenden, ihn gar aktiv bekämpfen.

Was an Österreich bzw. Europa ist für hier lebende Muslime besonders schwer zu akzeptieren?

Das ist eine zu allgemein gestellte Frage, die wiederum das Bild des „Wir“ und „Ihr“ bemüht. Würden Sie diese Frage auch einem Katholiken oder Juden oder einem Bahai stellen?

Einem Katholiken und Juden wahrscheinlich nicht. Einem Bahai vielleicht, weil ich nicht viel über diese Religion weiß. Und was ist für hier lebende Muslime schwierig zu akzeptieren?

Nichts ist schwierig. Für Menschen, die an Demokratie und individuelle Freiheit, an Gleichheit von Mann und Frau glauben, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, ist es nicht schwer, in Österreich zu leben. Und dies gilt jenseits religiöser Zuschreibungen. Wie bereits erwähnt, orthodox lebenden Muslimen fallen offensichtlich gewisse Dinge schwer, gewisse Partizipationsformen in Schulen, gewisse Kulturtechniken. Aber die müssen sie überwinden, wenn sie hier leben wollen.

Noch eine Frage, die Ihnen nicht gefallen wird: Praktizieren Muslime in Österreich und Europa ihren Glauben anders als im Herkunftsland?

Und erneut warne ich vor Verallgemeinerungen. Es kommt darauf an, aus welchem Land sie kommen, aus welcher sozialen Schicht, welchem Bildungsgrad, ob aus einem urbanen oder ländlichen Umfeld. Diese Eckpfeiler bestimmen die religiöse Bindung überall auf der Welt. Der offizielle Islam in Europa ist noch zu sehr von den Herkunftsländern geprägt, deshalb ist die Erarbeitung von Positionen, die dem hier und jetzt entspringen, so extrem wichtig.

Welche grundlegenden Werte sind Ihrer Meinung nach in Österreich bzw. Europa wichtig für das respektvolle Zusammenleben?

Wichtig ist das klare Bekenntnis zum Rechtsstaat, die Gleichheit von Mann und Frau, Toleranz, das Recht auf freie Lebensgestaltung, sprich die Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften; gleiche Chancen für alle, Religionsfreiheit, was das Recht beinhaltet, sich von einer angestammten Religion zu trennen, Rede- und Pressefreiheit – und all dies in der Begrenzung des Gesetzes.

Glauben Sie, dass man vonseiten der Regierung und der Mehrheitsgesellschaft mit dem Islam bzw. den Muslimen in Europa zu hart ins Gericht geht? Vielleicht wegen der radikalislamistischen Anschlägen, die mit dem Islam in Verbindung gebracht werden?

Auf keinen Fall. Man muss Verallgemeinerungen natürlich vermeiden, islamfeindliche Tendenzen aufzeigen und sich dagegen wehren. Aber die Anschläge sind nun einmal islamistisch motiviert. Das müssen wir ernst nehmen und nicht so tun, als habe das nichts mit dem Islam zu tun. Muslime und Nicht-Muslime müssen sich der Gefahr der Radikalisierung stellen, das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und nicht eines der Muslime allein. Es gibt ja schließlich auch einen zunehmenden Rechtsextremismus, den wir alle gemeinsam bekämpfen müssen.

Wie, denken Sie, wird die aktuell sehr kritische Haltung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Muslimen weitergehen? Werden rechte Parteien an die Macht kommen? Oder wird sich die Situation wieder entspannen?

Das ist in der Tat ein Problem, dieser Rechtsruck. Jedoch sind dafür nicht die Muslime verantwortlich, sie werden von diesen Parteien missbraucht, um Stimmung zu machen und an die Macht zu kommen. Auch da ist die Politik gefordert. Man weiß, dass die Wählerschaft der Rechten zum Teil aus Verlierern der Globalisierung besteht, die einfach in der Gesellschaft zu kurz gekommen sind. Die Rechte macht sich auch die „Gleichgültigkeit“ der Linken zu Nutze, sich gewisser Sorgen der Bürger in Bezug auf den Islam anzunehmen. Rechtspopulistische Parteien nehmen also nicht nur wegen des schlechten Images des Islam zu.

Wenn derzeit von terroristischen Anschlägen die Rede ist, handelt es sich dabei meistens um islamistisch motivierte Anschläge. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das liegt daran, dass zu lange die ultraorthodoxe Lesart des Islam vorgeherrscht und all diese Wirrungen hervorgebracht hat. Das liegt auch daran, dass liberale Denker in den Kernländern des Islam zum Teil verfolgt werden. Die Deutungshoheit über den Islam lag in den Händen von Rechtsgelehrten, die keine kritische Reflexion duldeten. Die undemokratischen Staaten ihrerseits benutzen die Religion, um die Menschen zu unterdrücken. Das tönt jetzt furchtbar banal und man müsste das differenzierter analysieren, aber im Kern bin ich davon überzeugt. Deshalb ist es für das Überleben dieser Religion wichtig, sich zu reformieren, ansonsten schafft sie sich selbst ab. Jugendliche mit muslimischem Migrationshintergrund sind, wenn sie sich auf die Suche nach ihrer Identität begeben, schlecht bedient, denn was sie vorfinden, ist nicht gerade gewinnbringend. Es führt oft in den Abgrund. Das belegen die Zahlen der Jihadreisenden auch aus Österreich und die Sympathie, die dem Salafismus entgegengebracht wird. Auch hier müssen die muslimischen Verbände eine Antwort finden, denn sie haben in dieser Sache meiner Meinung nach versagt. Die Mehrheitsgesellschaft muss sich ihrerseits fragen, warum sie diese Jugendlichen mit den Werten von Demokratie, Freiheit, und Gleichheit nicht erreicht hat.

Jasmin El-Sonbati ist Vertreterin eines liberalen Islam, Gymnasiallehrerin, Initiatorin von "Offene Moschee Schweiz" und Autorin der Bücher "Gehört der Islam zur Schweiz?" sowie "Moscheen ohne Minarett". Sie verbrachte ihre Kindheit in Kairo und studierte Romanistik in Wien und Basel.