08 Gemeinschaft
09.04.18

„Sozialer Zusammenhalt muss hergestellt und über tägliche Prozesse erhalten werden.“

Interview mit Eva Grabherr

Eva Grabherr betont, dass die Bereitschaft zur Solidarität mit anderen Menschen der Gesellschaft ein wichtiger Ausdruck von Zusammenhalt ist. Umgekehrt lässt sich aber auch feststellen, dass Solidarität eine wichtige Funktion von Zusammenhalt ist. Sie weist darauf hin, dass sozialer Zusammenhalt hergestellt und über tägliche Prozesse bewahrt werden muss.

Ist Zusammenhalt in einer Gesellschaft überhaupt notwendig bzw. wichtig?

Ja, sozialer Zusammenhalt ist eine wichtige Dimension des Zusammenlebens von Menschen und Gruppen in einer Gesellschaft. Die Bereitschaft, solidarisch mit anderen Menschen der gemeinsamen Gesellschaft zu sein, ist sicher ein wichtiger Ausdruck von Zusammenhalt, und umgekehrt kann man dann sagen, eine wichtige Funktion von Zusammenhalt ist Solidarität. Wir wissen, dass die Unterscheidung nach „der/die gehört zu meiner Gruppe“ bzw. „der/die gehört zu einer anderen Gruppe“ eine Art Schlüsselunterscheidung für menschliches Sozialverhalten ist. Positiv gesprochen kann man sagen, diese Unterscheidung treffen zu können ist die Basis für solidarisches Verhalten, denn das muss sich in der diesseitigen Welt mit ihren begrenzten Ressourcen an Grenzen orientieren. Den Blick auf das Negative dieser Dynamik gerichtet kann man sagen, dass sie die Vorbedingung für gruppenbezogene Ablehnungen und damit Aggression bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen darstellt. Ein bisschen anders gewendet kann man aber auch sagen, diese Dynamik ist eine Voraussetzung für Gruppenkonkurrenz, die auch ein Triebmittel für Innovation sein kann – die kommt schlussendlich beiden Gruppen zugute, wenn man den mit Konkurrenz in Verbindung stehenden Antagonismus in den Griff bekommt und daraus keine zerstörerische Aggression wird. Alles in allem eine komplexe Dynamik also.

Hat es sich mit dieser Dynamik schon immer so verhalten?

In einer modernen nationalstaatlichen Gesellschaft stellt sich diese Frage noch einmal anders als in vormodernen Gesellschaften, in denen Solidarität in Kleingruppen organisiert war. In diesen waren sich Menschen auch räumlich nahe, was das Funktionieren von Zusammenhalt unterstützte, bzw. lebten in (beispielsweise religiösen) Gruppen mit einer starken homogenen Binnenkultur. Nun geht es um das Zusammenleben in einem großen Rahmen, in dem man Angehöriger einer ethnischen Gruppe, einer religiösen Gruppe, einer sozialen Klasse ist und gleichzeitig Angehöriger eines Nationalstaates, der sich im Verlaufe dieses Prozesses zunehmend auch um die Organisation von Solidarität zu kümmern beginnt. Es geht also um einen sozialen Zusammenhalt auch auf dieser abstrakteren sozialen Ebene über einzelne Gruppen – und dass das als eine Herausforderung erlebt wurde, zeigt sich nicht zuletzt an der Zahl an Nationalmuseen, Landesmuseen, Landesgeschichten etc., die im 19. und 20. Jahrhundert errichtet bzw. geschrieben wurden, um den neuen sozialen Gebilden sozusagen gemeinsame „Bilder von sich selbst“ anzubieten. Mit der Funktion, sozialen Zusammenhalt zu stiften. Der Politikwissenschaftler Benedict Anderson spricht von Nationen als „Imagined Communities“ und bezieht sich damit auf den Konstruktionscharakter dieser Gebilde, aber auch auf das Erzeugen von Bildern als Instrument der Gemeinschaftsstiftung. Man setzte auf eine gemeinsame Geschichte als „Kitt“ für Zusammenhalt, auf einen für alle gemeinsamen Rechtsrahmen, der forderte, aber auch schützte, sowie auf gemeinsame nationale Institutionen für die Organisation von Solidarität.

Fallen Ihnen konkrete historische Beispiele dafür ein?

Ich möchte an diese auch konflikthaften Diskussionen und Ereignisse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erinnern: Man diskutierte in so gut wie allen entstehenden europäischen Nationalstaaten, ob es möglich sei, Jude und Deutscher, Franzose oder was auch immer zu sein. In England diskutierte man sehr heftig und mit vielen Konflikten verbunden, ob katholische Iren in ein anglikanisches England integriert werden können. Und das frühe 20. Jahrhundert kennt dann die Ausbildung von „Lager“-Mentalitäten auf Basis sozialer Klassen: „Arbeiter“ und „Bürgerliche“ errichteten Parallelstrukturen auch in Österreich, die es den Menschen ermöglichten, „von der Wiege bis zur Bahre“ in der eigenen Parallelgesellschaft versorgt werden zu können, was den sozialen Zusammenhalt als österreichische Nation schwächte und mit zum Bürgerkrieg in diesem Land in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts führte. Zusammenhalt in großen sozialen Gebilden wie beispielsweise einer Nation war also auch historisch nie eine einfache Kategorie bzw. kein unhinterfragt stabiler konfliktfreier Zustand. Die Frage, wer vom Zusammenhalt umfasst wird, stellte und stellt sich immer wieder neu. Sozialer Zusammenhalt muss hergestellt und über tägliche Prozesse erhalten werden. Entwicklungen wie etwa aktuell die Transnationalisierung – in Folge politischer Entwicklungen wie der sich vertiefenden Integration der EU oder in Folge von Migration bzw. mit Migration als Folge – wirken sich auch auf den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft aus. Es ist wie beim Vertrauen – das gilt als ein „seltsamer Stoff“, den man vor allem merkt, wenn er fehlt.

Kommen wir zum Thema Integration in diesem Zusammenhang. Kann man über Integration reden, ohne auch den Zusammenhalt in einer Gesellschaft zur Sprache zu bringen?

Man kann nicht über Integration als umfassenden gesellschaftlichen Prozess reden, ohne auch die Dimension des sozialen Zusammenhalts im Auge zu haben. Wir sind ja als Gesellschaft nicht nur ein rechtlicher Rahmen, ein Regelwerk, dem die einzelnen folgen, mit Rollenträgern, die über diese Regeln wachen, und damit hat es sich. In einer Demokratie schaffen sich idealerweise die, die sich den Regeln unterwerfen, die Regeln selbst. Hier fließt also schon einmal mit ein, wer als zugehörig zur Gruppe anerkannt wird, wem „Gleichheit“ und damit Anerkennung auf Augenhöhe zuerkannt wird bzw. zuerkannt werden muss und wem nicht. Und dann leben wir ja auch in täglicher Interaktion miteinander, und diese tägliche Interaktion ist nicht bis ins Kleinste von einem formalen Regelwerk bestimmt.

Schon gar nicht in einer liberalen Demokratie ...

In einer liberalen Demokratie, in der Freiheit und Autonomie immer in einem Spannungsverhältnis zum Pol der Regulierung über formale Regeln stehen. Nicht nur Solidarität ist an sozialen Zusammenhalt gebunden, auch das Vertrauen, das in einer Gesellschaft herrscht. Vertrauen in Institutionen und Vertrauen zu Menschen, insbesondere das gruppenübergreifende Vertrauen zwischen Menschen, werden als Indikatoren für die empirische Messung von sozialem Zusammenhalt herangezogen. Vertrauen zu und zwischen Menschen ist zentral für die Kooperationskultur einer Gesellschaft, und diese wiederum ist ein zentraler Faktor für das Funktionieren einer Gesellschaft, in der jeder und jede auf das Funktionieren des jeweils anderen so angewiesen ist, wie das für unsere Gesellschaft gilt. Ich muss und sollte einer Ärztin oder einem Arzt im österreichischen Gesundheitssystem vertrauen, auch wenn sie oder er einer anderen religiösen oder ethnischen Gruppe angehört – das gilt übrigens für beide Seiten der Interaktion. Ebenso einem Lehrer bzw. einer Lehrerin, Beamten in der Verwaltung oder einem Bürgermeister bzw. einer Bürgermeisterin, ungeachtet ihrer Teilgruppenzugehörigkeit in der österreichischen Gesellschaft. Die täglich notwendige Kooperation in Belegschaften in Unternehmen sollte nicht unter gruppenbezogenen Misstrauensverhältnissen leiden.

Das sollte sich eigentlich von selbst verstehen, funktioniert aber dennoch oft nicht. Warum ist das so?

Plurale bzw. multikulturelle Gesellschaften sind an sich ein guter Nährboden für gruppenbezogene Vorurteile, denn diese stehen in einem engen Zusammenhang mit der schon erwähnten „Schlüsselunterscheidung für menschliches Sozialverhalten“ in Form der Unterscheidung von „Wir“ und den „Anderen“. In diesem Sinne kann auch der soziale Zusammenhalt in Form des Vertrauens in einer Gesellschaft unter Pluralität bzw. der Erweiterung oder Veränderung von schon anerkannter Pluralität durch neu hinzukommende Gruppen leiden. Aber auch in dieser Dynamik liegen das Problem und der Schlüssel für die Problemlösung nahe beieinander. Nichts, so die gut belegte sozialpsychologische „Kontakttheorie“, hat größeres Potenzial für den Abbau gruppenbezogener Vorurteile als eben „Kontakt“ zwischen Menschen, die sich als Angehörige unterschiedlicher Gruppen wahrnehmen. Vor allem, wenn diese Menschen kooperieren müssen für ein gemeinsames Anliegen. Wenn die Kooperation funktioniert bzw. das Angebot, das man erhält, passt; der Kontakt möglichst auf Augenhöhe stattfindet; der (institutionelle) Rahmen, in dem man sich begegnet (die Firma, die Institution etc.), diesen Kontakt wünscht bzw. den Umgang mit Pluralität voraussetzt (und ihn unterstützt). Und hier kommen weitere Dimensionen des Integrationsprozesses ins Spiel. Die strukturelle Integration von Neuem durch Aufstiegsprozesse führt (wenn im Regelfall im Prozess selbst auch nicht konfliktfrei) zu erweiterten Kontaktmöglichkeiten und Kooperations- bzw. Interaktionsgelegenheiten, zunehmend auch auf Augenhöhe. Strukturelle Integration erfordert kulturelle Integration. Beispielsweise, wenn es um Landessprachkenntnisse geht, aber natürlich auch um Kenntnisse von Regeln und Codes. Es kommt also zu Angleichungsprozessen, die bitte nicht mit Totalassimilation im Sinne einer einseitigen „Unterwerfung“ verwechselt werden dürfen, sondern aus funktionalen Gründen erforderlich sind – und das aber wird wieder „Gemeinsames“ generieren und damit den sozialen Zusammenhalt stärken.

Um konkret zu werden: Was genau kann die Politik und der einzelne Bürger tun, um den Zusammenhalt zu fördern?

Wichtig scheint mir, die Dynamiken, denen sozialer Zusammenhalt unterliegt, gut zu kennen, damit wir auf allen relevanten Ebenen gestaltend damit umgehen können. Und dann ist es für die Politik beispielsweise eine Entscheidung, mit dem eigenen Verhalten dazu beizutragen, dass der Zusammenhalt gestärkt wird oder eben nicht. Ich kann mit meinem Agieren Dynamiken befördern, die ihn unterhöhlen, oder Dynamiken, die ihn stärken. Die entscheidende Frage ist: Möchte ich vom Konflikt leben oder von der Transformation und der Lösung von Konflikten? Wie ein solidarisches Verhalten erfordert auch ein Verhalten, das den sozialen Zusammenhalt stärkt, kurzfristig vielleicht das Hintenanstellen von Eigennutz oder meines partikularen Gruppeninteresses für den längerfristigen Gewinn eines friedlicheren und gerechteren und damit für alle sichereren Zusammenlebens. Das ist eine Entscheidung, die jeder bzw. jede treffen kann. Und das erfordert nicht, Probleme nicht benennen zu dürfen; das erfordert auch nicht, Menschen die Anstrengung von Integrations- und Aufstiegsprozessen nicht zumuten zu können. Es ist damit auch nicht infrage gestellt, dass aus Sicht unserer Verfassung ideologisch bedenklichen Strömungen – religiösen oder politischen – deutlich entgegenzutreten ist, auch wenn sie von gesellschaftlichen Minderheitengruppen vertreten werden. Und dem widerspricht auch nicht, dass eine Gesellschaft natürlich über die Begrenzung von Zuwanderung diskutieren und entscheiden darf. Bürgern und Bürgerinnen aller Teilgruppen unserer Gesellschaft könnte man empfehlen, immer wieder aus ihren Milieus und Komfortzonen hinauszutreten und bewusst den Kontakt zu Menschen „anderer“ Gruppen zu suchen – in allen nur erdenklichen Situationen: von der Bushaltestelle über die Nachbarschaft bis hin zur Nutzung von bewusst für solche Begegnungen geschaffenen Settings.

Das ist wohl leichter gesagt als getan ...

Ich schlage daher vor, den Kontakt zu sogenannten „Anderen“ möglichst oft praktisch zu „üben“, wie das auch für andere Kulturtechniken für die gute Bewältigung des täglichen Lebens gilt. Minderheitengruppen möchte ich empfehlen, bewusst in das „Bridging“ zu investieren, also die Pflege von Beziehungen und Netzwerken außerhalb der eigenen Gruppe, und nicht nur Energie für das „Bonding“, die Beziehungen nach Innen, zu haben. Ich möchte, dass sie ihre Mitglieder ermuntern, unterstützen und auffordern, „hinaus“ zu gehen, zum gemeinsamen „Allgemeinen“ beizutragen, und dass sie hierbei modellhaft vorangehen. Ich möchte vorschlagen, „Pluralitätskompetenz“ als Bewertungsmaßstab einzuführen: Was unterstützt ein gutes (gerechtes, friedliches) Zusammenleben? Was wirkt ihm entgegen? Ich denke, für die Debatte über sozialen Zusammenhalt im Kontext von Migration, Integration und Pluralität gilt auch, was der leider bereits verstorbene Integrationssoziologe Michael Bommes zu Auseinandersetzungen über Migration und Integration festgestellt hat.

Er beschreibt in den Auseinandersetzungen, soweit ich weiß, zwei Grundkonzepte.

Das eine betrachtet Migration und Integration und die damit zusammenhängenden Problemstellungen als reguläre Gegenstände sowie Resultate politischer Entscheidungen und aktiver Gestaltung, wodurch sie als zu bewältigendes Risiko durch mehr oder weniger kluge Entscheidungen gelten. Das andere Konzept sieht in Migration und Integration primär eine als durch Entscheidung heraufbeschworene Gefahr, die von außen kommt und gegen die man sich nach innen und außen schützen muss. Für beide Konzeptionen – Migration als Risiko und Migration als Gefahr –, so Michael Bommes, sei kennzeichnend, dass sie vielfach wechselseitig im Modus der Überlegenheit operieren und dazu tendieren, der jeweils anderen Position ein nahezu hoffnungsloses Defizit zu unterstellen. Im einen Fall Irrationalität, Ignoranz und Verweigerung von Entscheidungsrationalität; im anderen Fall die Hybris eines Rationalismus, die Verkennung der kulturellen Grundlagen von Gesellschaft und multikulturelle Naivität angesichts der darin versteckten Eigendynamik kultureller Konflikte und der davon ausgehenden Gefahren. Ich glaube, es ist unschwer zu erkennen, dass ich der Risiko-Fraktion angehöre und nicht der Gefahren-Fraktion. Die Risiko-Konzeption unterstützt in meinen Augen unsere Handlungsmächtigkeit als Gesellschaft. Aber ich habe mir auch vorgenommen, im Sinne einer Risiko-Minimierung die Begegnung mit der anderen Fraktion nicht zu meiden, sondern zuzuhören – sie hilft mir, die „blinden Flecken“ meiner Position im Auge zu behalten.        

Eva Grabherr ist Geschäftsführerin der Projektstelle für Zuwanderung und Integration „okay.zusammen leben“, einem landesweit agierenden Wissens- und Kompetenzort für Migrations- und Integrationsfragen in Vorarlberg. Sie ist Judaistin und Historikerin. 2013 erhielt sie für ihren Einsatz und Erfolg für die Integration in Vorarlberg den Dr.-Toni-Russ-Preis.