02 Islam europäischer Prägung
30.05.17

„Theologisch geht es um die Frage der Zeitgemäßheit.“

Interview mit Lamya Kaddor 

Für Lamya Kaddor geht es beim Islam europäischer Prägung um die Frage der Zeitgemäßheit bzw. die Berücksichtigung des historischen Kontexts sowie der gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie betont, dass nicht der Koran den Frauen im Weg steht, um Führungspositionen einzunehmen oder Gebete zu leiten, sondern männlich dominierte Lesearten.

Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz unterstützt die Forderung nach einem „Islam europäischer Prägung“ Begrüßen Sie diese Forderung?

Die Forderung klingt gut, allerdings muss man auf die Inhalte achten. Ich kenne den Vorstoß von Bundesminister Kurz in Österreich und auch die Forderung nach einem Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst. Und ich teile die Kritik daran, weil solche Vorstöße in Zeiten wachsender Islamfeindlichkeit immer auch muslimische Frauen und eigentlich die gesamte Religion marginalisieren und unter Generalverdacht stellen. Ein Kopftuchverbot bedeutet zudem ein Ausschlusskriterium für das öffentliche Arbeitsleben, also wieder eine Möglichkeit weniger sich zu integrieren. Dabei ist das Kopftuch für die Integration weder hinderlich noch förderlich. Wir sollten endlich entspannter bei diesem Thema werden.

Wie würden Sie „Islam europäischer Prägung“ überhaupt definieren?

Es muss darum gehen, ein islamisches Leben in Europa zu verwurzeln und zu verankern, damit Muslime für ihre Glaubenspraxis nicht mehr ständig in die Türkei, die arabischen Länder oder anderswo hingucken. Theologisch geht es um die Frage der Zeitgemäßheit. Wie kann man den Koran und andere Primärquellen ohne Substanzverlust in die heutige Zeit transportieren? Das kann sich natürlich unterschiedlich darstellen. Konservativ orientierte Muslime können auch zeitgemäß leben wie liberal ausgerichtete. Zeitgemäß zu leben, heißt jedenfalls nicht, seinen Glauben abzulegen, sondern den historischen Kontext und gesellschaftliche Entwicklungen zu berücksichtigen.

Impliziert diese Bezeichnung nicht, dass der Islam an sich nicht europäisch und somit westlich praktikabel ist und einer „Reform“ bedarf?

Nicht unbedingt. Der Islam hat sich zwar entwicklungsgeschichtlich überwiegend in einer anderen Weltregion entfaltet, aber wieso sollte das etwas über die Praktikabilität anderswo aussagen? Der Islam ist eine Weltreligion mit verschiedenen kulturellen Prägungen, es gibt einen türkisch geprägten Islam, einen bosnisch, arabisch, indonesisch und eben auch einen europäisch geprägten Islam. Ich persönlich spreche übrigens nicht von Reformen, das haben Sie getan. Ich spreche von einer Weiterentwicklung. Wenn mit „Islam europäischer Prägung“ jedoch gemeint ist, seine Prinzipien abzulegen, ist das eine Bevormundung, die den Muslimen nicht gerecht wird.

Was genau meinen Sie mit Weiterentwicklung des Islam?

Ein klassisches Beispiel ist der Stellenwert der Frauen. Es ist klar, dass Frauen dieselben Rechte haben müssen wie Männer. Was der Koran an Andersbehandlung anspricht, war für die damalige Zeit und Rechtsprechung fortschrittlich, heute natürlich nicht mehr. Aber man erkennt hier Progressivität. Und in diesem Sinne muss weitergedacht werden. Der Koran steht Frauen nicht im Weg, um Führungspositionen einzunehmen oder Gebete zu leiten, sondern männlich dominierte Lesarten.

Halten Sie den Islam für eine europäische Religion?

Das ist eine falsche Frage. Der Islam hat wie alle monotheistischen Weltreligionen seine Ursprünge im Nahen Osten und ist heute auch eine Religion in Europa von Europäern.

Wenn über Integration gesprochen wird, wird meistens auch über den Islam gesprochen, über andere Religionen hingegen kaum. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

An Islamismus und Islamfeindlichkeit. Extremisten verstecken ihr Handeln hinter der Religion und wir schauen verstärkt auf sie, weil viele von uns die politische Ideologie des Islamismus und die Weltreligion Islam nicht auseinanderhalten wollen. Natürlich hat der Islamismus mit dem Islam bzw. seiner Auslegung zu tun, aber eben als Rechtfertigung für politisches Bestreben, nicht als eigentliches Ziel des Handelns. Durch solche Verzerrungen werden Feindbilder befördert wie der gewaltbereite, unterdrückende muslimische Mann. Dahinter können andere dann wiederum ihre Fremdenfeindlichkeit verstecken.

Dann ist der radikale Islamismus der Hauptgrund für die wachsende Islamfeindlichkeit in Europa?

Nein. Der Islamismus befördert sie. Islamfeindlichkeit gibt es schon seit Jahrhunderten. Denken Sie an Martin Luther. Er war nicht nur antisemitisch, sondern auch antitürkisch bzw. antiislamisch. Islamfeinde brauchen nicht zwangsläufig Muslime für ihren Hass.

Sehen Sie Widersprüche bzw. Reibungspunkte zwischen dem Islam und europäischen Traditionen und Werten?

Das hängt von der Auslegung des Islam ab. In meiner Auslegung gibt es keinerlei Widersprüche oder Reibungspunkte. In der Auslegung von Fundamentalisten ganz gewiss. Bei ihnen steht fast alles, was mit westlichen Werten zu tun hat, im Widerspruch zu ihrer Ideologie.

Was ist mit der Mitte – dem konservativen Islam?

Da gibt es einzelne Widersprüche, gewiss beim Frauenbild.

Bietet der Islam Ihrer Meinung nach mehr Raum für Gewalt und Radikalismus als andere Religionen wie das Christentum, Judentum oder der Buddhismus?

Definitiv nicht. Potenzial für Gewalt haben alle Weltreligionen, wie der Blick auf die Welt zeigt.

Wie gut oder schlecht funktioniert das Zusammenleben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Österreich?

Soweit ich weiß, weitgehend gut.

Was würde es brauchen, damit es noch besser funktioniert?

Mehr Kenntnis über den jeweils anderen. Abbau von Islamfeindlichkeit, Engagement gegen radikalen Islamismus. Letzteres geschieht schon vermehrt, ersteres nicht. Ich muss am anderen nicht alles gut finden, ich muss es nur respektieren. Das ist aber nicht gegeben. Den Lebensentwurf von Muslimen erkennen viele nicht als gleichwertig an. Wobei das nicht nur an fehlender Kenntnis liegt, sondern auch an Ablehnung und Ignoranz.

Woher stammt diese Ignoranz?

Vielleicht, weil der Mensch einen Sündenbock braucht, auf den er soziale Missstände und persönliche Unzufriedenheiten übertragen kann. So etwas gibt es ja in jeder Gesellschaft. Im Moment eignen sich eben Muslime besonders gut als Sündenbock. Wobei sie natürlich nicht komplett unschuldig sind. Es gibt Muslime mit problematischem Verhältnis zur Demokratie, womit sie vermeintliche Belege für eine Islamfeindlichkeit liefern. Wenn jemand einer Frau nicht die Hand gibt, zeugt das nicht nur von mangelndem Verständnis von Kultur, sondern auch vom Islam. So etwas sind zwar Einzelfälle, sie reichen aber, um andere zu bestärken, Rückschlüsse auf alle Muslime zu ziehen.

Was an Österreich bzw. Europa ist für hier lebende Muslime besonders schwer zu akzeptieren?

Das kann man nicht so sagen. Ich weigere mich auch, so eine Frage zu beantworten. Diese Frage müsste man anders stellen.

Wie denn?

Gibt es muslimische Europäer, die sich an den Gewohnheiten der Mehrheitsgesellschaft stören könnten?

Viel besser. Und, gibt es sie?

Ja. Sie könnten sich an denselben Verhaltensweisen stören, an denen sich auch andere stören könnten: Vereinsamung, mangelnde Solidarität. Nicht alle Muslime sind besonders gläubig.

Bleiben wir bei den besonders gläubigen Menschen. Woran könnten sie sich stören?

Am Umgang mit Sexualität in der Öffentlichkeit. Und an der Vorstellung von Ehe und Familie in Europa. An der Rolle der Frau und der Emanzipation. Aber auch das trifft nicht auf jeden konservativen Moslem zu. Und auch nicht nur auf den Islam, sondern auch auf andere Religionen. Man sollte die Trennlinien nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen ziehen, sondern zwischen gläubigen und säkularen Menschen.

Kennen Sie selbst oder von Bekannten Situationen, in denen muslimische Gesetze bzw. Regeln im Widerspruch zu österreichischen Gesetzen stehen?

Ja, klar, je nach Auslegung. In der Schule zum Beispiel, wenn Eltern ihren Töchtern die Teilnahme an Klassenfahrten verbieten und sich dabei auf den Islam berufen. Aber auch hier gilt wieder: Konservative Christen, zumeist aus Freikirchen, sind eine ähnliche Herausforderung, wenn sie Probleme etwa mit dem Biologieunterricht haben.

Praktizieren Muslime in Österreich bzw. Europa ihren Glauben anders als im Herkunftsland?

Sie sind ja gezwungen, das zu tun. In vielen Herkunftsländern werden sie beispielsweise zum Morgengebet geweckt. Während des Fastenmonats Ramadan gibt es auf den Straßen eine sehr schöne, feierliche Stimmung, in der es um Gerechtigkeit und das Teilen, um Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit geht. Diese Lebensfreude, die vergleichbar ist mit der Stimmung und den geschmückten Straßen zu Weihnachten, kennt man hier nicht. Wenn man im Alltag nicht automatisch an seinen Glauben erinnert wird, muss man sich gegebenenfalls selbst darum bemühen. Daher sind Angehörige von religiösen Minderheiten in ihren Eigenarten oft ausgeprägter.

Welche grundlegenden Werte sind Ihrer Meinung nach in Österreich und Europa wichtig für das respektvolle Zusammenleben?

Individuelle Freiheit, Gerechtigkeit und Vielfalt. Diese Werte gehören gepflegt und hochgehalten. Europa ist ein Einwanderungskontinent, wir leben in Einwanderungsländern, unsere Welt ist und bleibt globalisiert. Je schneller wir das annehmen und aktiv gestalten und das damit verbundene Potenzial nutzen, statt uns in sinnlosen Abwehrkämpfen zu verzetteln, desto besser. Das heißt nicht, dass Menschen ein gesundes Nationalbewusstsein abstreifen sollen, sondern die übermäßige, rückwärtsgewandte Betonung einer angeblichen Volkszugehörigkeit. Das, was vor allem rechte Parteien hier machen, aber nicht nur die, ist im Europa des 21. Jahrhunderts ein Irrweg, der schlimme Folgen haben könnte.

Geert Wilders hatte vor in den Niederlanden im Falle einer Regierungsbeteiligung den Islam weitgehend zu verbieten. Halten Sie so etwas für möglich?

Das kann er nicht. Das steht im Widerspruch zu den Grundrechten und ist unmöglich, daher will ich mich an solchen Diskussionen nicht beteiligen.

Wie, denken Sie, wird die aktuell sehr kritische Haltung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Muslimen weitergehen? Werden rechte Parteien an die Macht kommen? Oder wird sich die Situation wieder entspannen?

Ich mache keine Kaffeesud-Leserei. Es gibt ein paar Konstanten: Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins, die Globalisierung lässt sich nicht umkehren, Demokratie ist kein Selbstläufer, Populisten haben nur Sprüche auf Lager, keine Lösungen. Von daher: Es ist möglich, dass rechte Parteien in Europa an die Macht kommen und unseren Wohlstand und Frieden gefährden. Darauf wird der Rest der Bevölkerung reagieren. Man wird einem reaktionären Umwälzungsversuch kaum tatenlos zusehen – gerade im Zeitalter des Internets nicht. Der Verlauf einer solchen Auseinandersetzung ist aber offen. Muslime werden gewiss noch länger im Fokus der Anfeindungen stehen, aber irgendwann werden sie von anderen Gruppen abgelöst werden. 

Wenn derzeit von terroristischen Anschlägen die Rede ist, handelt es sich dabei meistens um islamistisch motivierte Anschläge. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Schauen Sie sich einfach einmal die islamische Welt an. Nennen Sie mir Länder, in denen gerade keine Konflikte herrschen – wo  es in den vergangenen 50 Jahren keine Kriege gab, wo keine Diktatoren an der Macht waren und in denen keine imperialistischen Kräfte gewirkt haben. Überall finden Sie Anlässe zur Radikalisierung. Vergegenwärtigen Sie sich dann, dass der Islam die zweitgrößte Weltreligion ist, in weiten Teilen der Erde dominiert und in allen anderen anzutreffen ist. Und sagen Sie mir nun, welches Band aus Sicht politischer Machtbestrebungen stark genug ist, um hier Menschenmassen zu leiten und zusammenzuhalten. Arabischer Nationalismus? Gescheitert. Sozialismus? Gescheitert. Liberalismus? Zu wenig integrierend, zu komplex. Ist es so schwer zu erkennen, dass sich da für manche Muslime der Islamismus als ideologisches Band geradezu aufgedrängt hat? 

Lamya Kaddor ist Religionspädagogin und eine der bekanntesten Islamwissenschaftlerinnen Deutschlands. Sie ist Vorstandsmitglied des Liberal-Islamischen Bundes und Autorin der Bücher "Die Zerreißprobe: Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht" und "Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen".