05 Gewalt gegen Frauen
06.04.18

„Übergriffe körperlicher Art – selbst, wenn sie im Koran legitimiert werden – sind abzulehnen. Sie sind ein Verbrechen.“

Interview mit Jasmin El-Sonbati

Jasmin El-Sonbati weist darauf hin, dass durch die Migrationsbewegungen die Phänomene der Genitalverstümmelung und Zwangsheirat vermehrt nach Europa kommen. Sie fordert von islamischen Verbänden eine verstärkte  Präventionsarbeit und auch muslimische Männer müssen dafür in die Verantwortung gezogen werden, um dieses Phänomen zu unterbinden.

Wo bzw. wie erleben Frauen in Europa Gewalt am häufigsten? Zu Hause? Am Arbeitsplatz? Von ihrem Partner, ihren Eltern, ihren Vorgesetzten?

Wohl an all diesen Orten, aber auf unterschiedliche Weise. Gewalt kann physisch oder psychisch sein. Letzteres wohl eher am Arbeitsplatz, in der Schule, in Form von Mobbing oder aktiver Ausgrenzung. Aus Studien wissen wir, dass häusliche Gewalt, die physische also, obwohl vom Gesetzgeber unter Strafe gestellt, immer noch die „Hitliste“ anführt. Als Muslimin, Migrantin und Aktivistin für einen liberalen Islam habe ich auf Formen von Gewalt, die sozusagen „aus meiner Ecke“ kommen, ein besonderes Augenmerk. Im familiären Kontext sind natürlich Frauen und Mädchen, Buben weniger, die ersten Opfer von Gewaltanwendung. Das hat nicht unbedingt in der Religion eine Ursache, sondern in der männerdominierten Struktur der Familie. Allerdings erlaubt der Koran, da muss man ganz ehrlich sein, die körperliche Züchtigung der Frau als letzte Maßnahme bei einem Ehestreit bzw. bei „Ungehorsam“. Das sind Vorgaben, die gegen geltendes Recht verstoßen und geahndet gehören, ohne die geringste Rechtfertigung. Übergriffe körperlicher Art – selbst, wenn sie im Koran legitimiert werden – sind abzulehnen, sie sind ein Verbrechen. Wie so vieles im Koran, was nicht menschenrechtskonform ist. In traditionellen Familien kann auch ein psychischer Druck, vor allem auf Mädchen, ausgeübt werden. Das ist auch eine Form von Gewalt. Es wird von den Mädchen verlangt, sich auf eine bestimmte Weise zu kleiden, sich „anständig“ zu benehmen, eben „islamkonform“ oder gemäß den Sitten des Herkunftslandes. Das kann zu großem seelischem Leid führen, denn die Mädchen leben in zwei Welten und sie können sich nicht entfalten, wie es ihnen eigentlich zustehen sollte.

Welche Frauen sind besonders gefährdet? Frauen mit Migrationshintergrund? Junge Frauen? Arme Frauen?

Beim Thema „Gewalt gegen Frauen“ erlebe ich keine ethnischen Unterschiede. Österreicherinnen suchen genauso Schutz in Frauenhäusern, weil sie sich vor ihren schlagenden Partnern retten wollen. Oft mit den Kindern. Ich glaube auch nicht, dass uns die „Ethnisierung“ des Problems in der Lösung weiterbringt. Gewalt gegen Frauen, Mädchen und Kinder ist gegen das Gesetz. Natürlich können Menschen in Abhängigkeitsverhältnis leichter Opfer von Gewalt werden. Oder Frauen, die in einer patriarchalen Struktur leben. Für sie hat der Mann das letzte Wort. Ich habe in meinem beruflichen Umfeld, also in Schulen, jedoch auch Fälle von offensichtlich selbstbewussten europäischen Müttern erlebt, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Ich will damit sagen, dass die psychische Disposition einer Frau dazu beitragen kann, in eine wehrlose Situation zu geraten. Deshalb ist es enorm wichtig, dass in unserer Gesellschaft alle Mädchen selbstbewusst aufwachsen und sich ihrer Rechte bewusst sind. Natürlich auch die Buben.

Welche Maßnahmen kann die Politik gegen Gewalt an Frauen ergreifen?

Zunächst einmal die Gewalt gegen Frauen bestrafen, darunter müsste auch die Bedrohung von Frauen fallen. Es darf nicht sein, dass eine Frau „grün und blau“ geschlagen wird, bis der Strafbestand sozusagen offensichtlich ist. Die andere Maßnahme muss in der Prävention angesiedelt sein und in der Stärkung sowie Unterstützung von Frauen, die sich nicht aus ihrem gewalttätigen Setting lösen können. Sei es aus finanziellen Gründen, um die Familie „zusammenzuhalten“, oder weil der familiäre Druck zu groß ist. In Ägypten ist das der Fall und zwar quer durch alle sozialen Schichten. Dort wird Gewalt gegen Frauen bagatellisiert. Frauen bleiben in gewaltfördernden Beziehungen, weil sie nach der Scheidung sozial stigmatisiert sind. Die Stigmatisierung einer geschiedenen Frau betrifft allerdings eher die unteren Schichten. Es gibt ein ägyptisches Sprichwort, das besagt: „Lieber der Schatten eines Mannes, als der Schatten einer Mauer.“ Was so viel heißt wie: Ein Mann um jeden Preis. Zurück nach Österreich: Hierzulande muss jede Frau, die sich von ihrem Mann trennen will, weil er sie schlägt, die volle gesetzliche und psychologische Unterstützung bekommen, sollte sie nicht in der Lage sein, die Trennung selbst „leichten Herzens“ zu vollziehen.

Was kann die Gesellschaft bzw. jeder einzelne von uns gegen Gewalt an Frauen machen?

Es beschämt mich, dass wir in Österreich immer noch in einer Gesellschaft leben, wo Männer sich das Recht herausnehmen, ihre Frauen und/oder Töchter zu schlagen. Aus den Erzählungen meiner Großmutter (Jahrgang 1892), meiner Tante (Jahrgang 1923) und meiner Mutter (Jahrgang 1932) weiß ich, dass zu ihrer Zeit in Altaussee, wo sie gelebt haben, Gewalt eine übliche Disziplinierungsmaßnahme war. Dass es Männer im Dorf gab, die ihre Frauen geschlagen haben, erzählte man sich ganz offen. Meistens gab man der Frau die Schuld, sie habe den Mann halt so sehr provoziert, dass er keine andere „Lösung“ hatte, um sie zu bändigen. Das ist noch nicht so lange her. Wir müssen uns dessen bewusst sein. Heute im 21. Jahrhundert steht physische Gewalt in Beziehungen unter Strafe, es herrscht ein allgemeines Rechtsempfinden, dass es unrecht ist. Das ist ein Fortschritt, wobei es immer noch ein Problem ist. Sonst würden wir dieses Gespräch nicht führen. Aber was ich damit sagen will: Ich sehe eine positive Entwicklung in Gesellschaften, die sich von patriarchalen Strukturen entfernen und den Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau verwirklichen, ja ihn in der Verfassung festhalten. In Ägypten ist das nicht der Fall. Die Gesellschaft ist zutiefst patriarchal. In Österreich wurde viel erreicht, aber immer noch zu wenig. Was kann, muss die Gesellschaft und jeder einzelne tun? Diese Werte vorleben, dafür einstehen und nicht wegschauen.

Weltweit ist die Genitalverstümmelung von Mädchen immer noch weit verbreitet, in Teilen Afrikas oder Indonesiens beispielsweise. Welche Maßnahmen kann die westliche Welt, die Vereinten Nationen etwa, setzen, um dieser Grausamkeit Einhalt zu gebieten?

Genitalverstümmelung ist ein Verbrechen, das überall geahndet gehört, denn sie hat nichts mit dem Islam zu tun, sondern ist ein grausamer, afrikanischer Brauch. In Ägypten beispielsweise gilt seit ein paar Jahren ein Gesetz, das Genitalverstümmelung (arabisch: khitan) unter Strafe stellt. Allerdings hapert es mit dem Vollzug. Die Vollstrecker und oft Vollstreckerinnen, sogenannte „Hebammen“, werden der Polizei nicht gemeldet. Und wenn doch, dann lassen sich die Behörden Zeit, um wirklich Strafen auszusprechen. Auf dem Land ist übrigens die Genitalverstümmlung reine Frauensache, die Frauen sind Täterinnen und Opfer zugleich. Mütter vollziehen das Unrecht, das ihnen zuteil geworden ist, an ihren Töchtern. Dahinter stecken salafistische Prediger, die den Frauen einreden, es sei eine religiöse Pflicht, die Töchter zu beschneiden. Da hilft auch die Fatwa – ein religiöses Rechtsgutachten des Mufti, der obersten religiösen Autorität der Republik Ägypten – nichts, in dem dieser den Eingriff als nicht islamische Sitte gebrandmarkt hat. In urbanen Kreisen, in der westlich orientierten Oberschicht und der Mittelschicht ist FGM, also „female genital mutilation“, nicht mehr verbreitet. Auf dem Land und in den Slums der Großstädte hingegen schon, übrigens auch bei koptischen Christen. Interessanterweise sind die erzkonservativen Monarchien des Golfs sowie die Länder Nordafrikas und der Levante nicht davon betroffen. Ägypten und der Sudan sind die Hauptakteure in diesem Trauerspiel.

Und was können wir in Europa machen?

Die Vereinten Nationen und Amnesty International führen seit Jahren Kampagnen, um den „Brauch“ zu delegitimieren. Das passiert bereits. Übrigens ist auch der ägyptische Staat darum bemüht, Aufklärungsarbeit zu leisten. Aber zurück zu Europa: Durch die Migration aus dem Sudan und Eritrea kommt dieses Phänomen vermehrt nach Europa. Oft sind sich die Frauen gar nicht bewusst, dass es sich um ein Verbrechen handelt. Deshalb ist hier die Aufklärungsarbeit enorm wichtig. Denn es darf nicht sein, dass diese Mütter, sozusagen in Unkenntnis des Straftatbestandes, Verstümmelung an ihren Töchtern vornehmen lassen. Wir müssen also dieses Thema im Kontext der Migration benennen. Ich habe den Eindruck, die weibliche Genitalverstümmelung wird in Europa zu wenig ernst genommen. Wenn ich daran denke, was die Debatte um die männliche Beschneidung – von Juden und Muslimen an neugeborenen männlichen Babys durchgeführt – für eine Aufmerksamkeit bekommen hat, ist es geradezu beschämend, wie wenig wir hier in Österreich bzw. in der Schweiz über FGM hören.

Was halten Sie von der Forderung, dass die Genitalverstümmelung nicht nur in einigen Ländern, sondern überall als eigenes Delikt gelten soll?

Das sollte es in der Tat. In der Schweiz ist das bereits der Fall. Wie einfach es ist, einen Täter oder eine Täterin aufzuspüren, das ist die andere Frage. Diese Eingriffe werden, wenn sie vorgenommen werden, tabuisiert. Deshalb ist es enorm wichtig, dass die Öffentlichkeit in Österreich darüber Bescheid weiß. Natürlich stellt sich die Frage, wer diese Aufklärung auf eine breite Basis bringen soll – die Schulen, die sozialen Institutionen? Die Schulen haben weiß Gott schon sehr viele Dinge, die sie aufnehmen müssen, aber es ist sicher ein wichtiger Ort, denn dort sitzen eventuell direkt betroffene Mädchen. Diese müssen wissen, dass ein solcher Eingriff verboten ist. Es muss auch Stellen geben, an die sich Mädchen wenden können, die Angst haben, dazu gezwungen zu werden. Ich glaube, Österreich hat ein sehr gut funktionierendes Netz an Anlaufstellen, die diese Problematik auch aufnehmen könnten. Ein Problem sehe ich darin, dass der Eingriff gar nicht in Österreich vorgenommen wird, sondern im Heimatland. In den Sommerferien etwa. Das ist verheerend. Deshalb ist es wichtig, dass Mädchen über ihre Rechte aufgeklärt werden. Aber ob sie sich schützen können, sollten sie außerhalb Österreichs sein? Es graust mir, wenn ich mir das vorstelle. 

Gibt es auch Fälle von Genitalverstümmelung in Europa?

Es ist davon auszugehen, dass im Zuge von Migration aus gewissen Ländern, vor allem aus dem Sudan, sehr wohl Eingriffe in Europa vorgenommen werden. Auch hier können wir nur auf wirksame Prävention setzen. Ähnlich wie bei den Antiraucherkampagnen. Es muss ein Thema werden, damit es wirklich bei allen ankommt, dass es sich um ein Verbrechen handelt. Ich finde, die islamischen Verbände müssten ebenfalls in ihren Communities Präventionsarbeit leisten. Es genügt nicht zu sagen, dass das nichts mit dem Islam zu tun hat. Gerade in Moscheen, in denen Menschen aus dem Sudan verkehren, ist es eminent wichtig. Männer, muslimische Männer, dürfen sich da nicht aus der Verantwortung ziehen. Was sie übrigens in den Herkunftsländern tun, nämlich die Augen verschließen mit der Behauptung, sie hätten nie etwas davon gehört. Natürlich nicht, weibliche Genitalverstümmelung ist kein Thema bei einem heiteren Beisammensein in der Familie. Aber Männer sind Mittäter, indem sie sich aus der Affäre ziehen und nichts unternehmen, um diese Sitte zu unterbinden. Natürlich darf man nicht verallgemeinern, aber dieses Phänomen beobachte ich schon, wenn ich mit muslimischen Männern darüber spreche. In Ägypten spielt der Grad der Bildung natürlich eine große Rolle. Gebildete Männer und Frauen lassen es nicht zu, dass ihre Töchter beschnitten werden. Aber die weniger Gebildeten, die oft den salafistischen Rattenfängern glauben, schon.

Zwangsehen und das Verheiraten von Minderjährigen haben in Europa zuletzt wieder zugenommen. Auch durch die Flüchtlingsbewegung, weil Menschen aus Kulturkreisen nach Europa gekommen sind, in denen Zwangs- und Kinderehen üblich sind. Aber natürlich nicht nur. Dieses Phänomen kommt beispielsweise auch in der türkischen und bosnischen Kultur vor. Was können die hiesigen Regierungen bzw. die Gesellschaften dagegen tun?

Das ist ein leidiges Thema und es ist eine Schande, dass wir uns im 21. Jahrhundert noch darüber unterhalten müssen, wie wir Zwangsheirat unterbinden können. Die Flüchtlingsbewegungen haben das Thema wieder aufgebracht, das stimmt. Es gibt flüchtende muslimische Frauen aus Syrien, die zum Zeitpunkt der Flucht minderjährig, bereits verheiratet und sogar schwanger waren. Die Frauen kommen mit ihren oft ebenso jungen Ehemännern nach Europa. Sie hier „zwangsscheiden“ zu wollen, ist wohl nicht der richtige Weg. Aber eine nichts verschleiernde Aufklärung ist unumgänglich, die minderjährige Ehefrau und der Ehemann müssen wissen, dass ihre Ehe laut hiesigem Gesetz ungültig ist. Theoretisch müsste man der Frau die Möglichkeit geben, die Ehe aufzulösen. Ob sie dieses „Angebot“ annimmt, weiß ich nicht. Aber es ihr als Rechtsweg aufzuzeigen – unbedingt! Wer weiß, vielleicht ist die eine oder andere Frau froh, einer zu jung geschlossenen Ehe zu entkommen und sich in Österreich ein neues Leben aufbauen zu können. Sicherlich müsste man dies mit sehr viel Fingerspitzengefühl angehen, schließlich sind die Menschen traumatisiert von der Flucht. Aber ziemlich bald, wenn die ersten Befragungen rund ums Aufnahmeverfahren stattfinden, muss dies thematisiert werden. Es muss der Frau bewusst sein, dass sie andere Optionen hat.

Welche Möglichkeiten haben junge Mädchen, die vor einer Zwangsverheiratung stehen, sich dagegen zu wehren und aus ihren Familien auszubrechen? Gibt es für diese Mädchen genug Unterstützung vonseiten der Behörden?

Theoretisch gibt es bereits Unterstützung. Es gibt die Hotlines für Frauen in Not. Das sind wichtige Einrichtungen. Die Frage ist, ob sich betroffene junge Frauen überhaupt an diese Stellen wenden. Denn es besteht ein Loyalitätsgefühl bei den Töchtern. Oder ganz einfach Angst. Die Familie, Väter oder Brüder, oft auch männliche Verwandte könnten Gewalt anwenden, wenn sie erfahren, dass Dritte hinzugezogen wurden. Ein Dilemma. Aber wir müssen es angehen.

Oft wird den jungen Frauen von den Familien die Heirat als die beste Option „verkauft“. Wichtig ist auch hier, dass Mädchen in Österreich ganz klar über ihre Rechte informiert sind. Selbstbewusste junge Frauen, die Ziele haben, ein selbständiges Leben führen wollen, werden sich nicht einfach verheiraten lassen. Das heißt mit anderen Worten, das Bewusstsein für das Phänomen Zwangsheirat muss vorhanden sein.

Wer soll dieses Bewusstsein schaffen bzw. fördern?

Die bereits tätigen Institutionen im sozialen Bereich müssen darüber Bescheid wissen, damit sie ihre „Klientinnen“ richtig beraten können. In den Schulen sind die Lehrpersonen aufgerufen, genau hinzuschauen und aufmerksam zu sein, sollten sie befürchten, dass ein Mädchen zwangsverheiratet werden könnte. Natürlich sind die „Opfer“ oft schon volljährig und gar nicht mehr in der Schule. Wie beim Phänomen des Radikalismus ist es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir alle annehmen müssen. Jede Zwangsheirat in Österreich ist eine zu viel.

Jasmin El-Sonbati ist Vertreterin eines liberalen Islam, Gymnasiallehrerin, Initiatorin von „Offene Moschee Schweiz“ und Autorin der Bücher „Gehört der Islam zur Schweiz?“ sowie „Moscheen ohne Minarett“. Sie verbrachte ihre Kindheit in Kairo und studierte Romanistik in Wien und Basel.