03 Menschen türkischer Herkunft in Österreich
30.05.17

"Viele Vereine und Gruppierungen sind unter dem österreichischen Vereinsrecht aktiv, aber de facto politische Parteien."

Interview mit Efgani Dönmez 

Efgani Dönmez fordert ein stärkeres Vorgehen gegen die Einflussnahmen aus dem Ausland. Bei jenen Personen die versuchen Konflikte aus dem Ausland nach Österreich hereinzutragen, sollen aufenthaltsbeendende Maßnahmen eingeleitet werden. Er warnt davor, dass es viele türkische Gruppierungen gibt, die unter dem österreichischen Vereinsrecht aktiv, jedoch politische Parteien sind.

Wie wird Ihrer Meinung nach das Referendum zur Verfassungsänderung in der Türkei am 16. April ausgehen?

Unabhängig davon, wie das Referendum ausgehen wird: Die Türkei hat sich mit der Politik unter dieser AKP-Führung in eine Sackgasse manövriert. Mittlerweile gibt es kaum ein Land, mit dem sie sich nicht angelegt hat – außer den saudischen Geldgebern und den anderen arabischen Emiraten. Die Türkei hat sich in eine Lose-Lose Situation manövriert und das jahrelange Credo „Null Probleme im Land, null Probleme mit den Nachbarn“ über Bord geworfen. Derartige verbale Entgleisungen hat es seit der Gründung der Türkei – trotz Höhen und Tiefen in den Beziehungen zu Europa und Österreich – noch nie gegeben.

Welche Rolle werden die jüngsten Eskalationen in den Niederlanden, Deutschland und anderen EU-Ländern dabei spielen?

Die in der Diaspora lebenden Menschen, die aus der Türkei stammen und wahlberechtigt sind, könnten für den Ausgang des Referendums das Zünglein an der Waage werden. Deswegen wird auch im Ausland aggressiv Wahlkampf geführt und die eigenen Beschlüsse und Gesetze werden bewusst negiert, denn nach geltendem türkischem Recht ist Wahlkampfführung im Ausland verboten. Hier wird eine sehr kurzsichtige Politik von beiden Seiten betrieben. Die Grenzen der Außenpolitik und Innenpolitik verschwimmen immer mehr und es wird, insbesondere von türkischer Seite, die Provokation gesucht, um innenpolitisch punkten zu können. Eine de facto gleichgeschaltete türkische Presse berichtet über die Wahlkampf-Verbote und Absagen. Diverse Aussagen von EU-Politikern werden in der Türkei als Angriff gegen die Türken und den Islam hochstilisiert und Erdogan und seine Anhänger als Opfer von türkenfeindlichen, islamfeindlichen und Rechtsextremen inszeniert. Wogegen Erdogan als Schutzherr über die Türken und des Islam ankämpfen und Europa eine Lektion erteilen wird. Die Eskalationsspirale dreht sich somit weiter. Was zurückbleibt, ist ein Scherbenhaufen. Treffen wird es die türkische Bevölkerung, insbesondere jene, die ihre Existenz aus dem Tourismus bestreiten. Dieser hat einen noch nie da gewesenen Tiefststand erreicht, mit weiterhin sinkender Tendenz.

Wie bewerten Sie das Vorgehen der türkischen Regierung im Zusammenhang mit der Wahlwerbung bei Auslandstürken in Europa? Welche Strategie steckt dahinter?

Die gezielte Provokation mit dem Schielen auf Stimmenmaximierung ist nicht von der Hand zu weisen. Die Wahlkampfauftritte werden von bereits implementierten Strukturen organisiert, die eindeutig unser Vereinsrecht missbrauchen. Die UETD ist als Verein in Österreich organisiert und definitiv der verlängerte Arm der AKP in Europa und Österreich. In ihren Vereinsstatuten steht, dass sie unabhängig sind. Wobei die Realität und die gesetzten Aktivitäten ganz klar vor Augen führen, dass sie natürlich nicht unabhängig sind. Die UETD fungiert hier als Brückenkopf und kooperiert mit Gruppen aus dem Kreis des politischen Islam – wie auch die nationalistisch-islamistische Milli Görüs, die rechtsextremen MHP-Ableger, die Moscheegemeinden der ATIB und andere Islamverbände.

Wie werden sich diese Ereignisse auf das Zusammenleben zwischen der türkischen Bevölkerung und der Mehrheitsgesellschaft auswirken? Bzw. auf das Zusammenleben innerhalb der inhomogenen türkischen Bevölkerung in Österreich?

Die Stimmung ist extrem angespannt. Wir dürfen nicht den Fehler machen, die Türkei mit Erdogan gleichzusetzen. Erdogan ist nicht die Türkei und die Türkei nicht Erdogan. Die aufgeklärten Stimmen in der Türkei und auch bei uns in Österreich brauchen unsere Solidarität und Unterstützung. Die reaktionären islamistisch-nationalistischen Türken in Österreich haben sich in den letzten 50 Jahren nicht integriert und werden es auch in den nächsten 100 Jahren nicht schaffen. Deswegen ist es wichtig, die Spreu vom Weizen zu trennen und nicht alle in einen Topf zu werfen. Diesen Geisteskindern muss man die roten Linien aufzeigen und gegebenenfalls aufenthaltsbeendigende Maßnahmen einleiten, wenn man das friedliche Zusammenleben in Österreich nicht gefährden will. Die nationalistisch-islamistischen Ableger aus der Türkei und aus anderen Ländern in Österreich gehören verstärkt von den Sicherheitsbehörden überwacht und im jährlichen Sicherheitsbericht erwähnt. Diese Strukturen gehören massiv zurückgedrängt.

Was sagen Sie zu dem in diesem Kontext ausgesprochen harten Umgang von Österreich und der EU mit der Türkei? Von vielen österreichischen Politikern sind ja sehr deutliche Worte wie „Quasi-Diktatur“ etc. gefallen.

Viele der Probleme sind auch hausgemacht. Hätte man auf bestimmte Entwicklungen früher reagiert, würden wir uns viele Diskussionen ersparen. Es ist kein Fehler der türkischen Politik, dass sich solche Strukturen bei uns breit machen konnten, sondern unser Fehler, dass wir so etwas zugelassen haben und noch immer zurückhaltend darauf reagieren. Autokraten wie Erdogan benutzen die Demokratie, um an die Macht zu kommen. Einmal im Amt, bauen sie den Staat um. Erdogan versucht nun, die institutionalisierte Macht bei sich zu konzentrieren: Die Gewaltenteilung wird aufgehoben, die Opposition wird behindert, kritische Presse mundtot gemacht und der Apparat der Exekutive und Judikative wird mit Gefolgsleuten besetzt. Andersdenkende werden massiv verfolgt – Einmischung in das Privatleben der Menschen inklusive. Die Türkei und die in der Diaspora lebenden Türken werden von Erdogan in Geiselhaft genommen. Der Zug, auf den er aufgesprungen ist, um an sein Ziel zu gelangen, wird in diesen Tagen immer deutlicher sichtbar. Man wird der Türkei klarmachen müssen, dass dieser Zug unter Erdogans Führung niemals Richtung Europa fahren kann und an den Grenzen Europas Halt machen wird.

Deniz Yücel, ein deutsch-türkischer Journalist, befindet sich immer noch in Haft. Viele andere türkische Journalisten beklagen eine Einschränkung der journalistischen Freiheit. Wie beobachten Sie diese Entwicklung?

Othmar Lahodynsky, Präsident der Vereinigung europäischer Journalisten, war im März 2017 gemeinsam mit fünf anderen Medienfreiheits-Organisationen auf einer „Fact-finding“-Mission in der Türkei. Die massenhafte Liquidierung von Medienunternehmen in der Türkei unter Notstands-Dekreten ist unakzeptabel. Insgesamt wurden 200 Medienunternehmen geschlossen. Die Inhaftierung von Journalisten, die ihren Beruf ernst nehmen und kritisch sowie unabhängig berichten, als Vaterlandsverräter oder Terroristen-Unterstützer abzustempeln und wegzusperren oder verschwinden zu lassen, gleicht den Methoden der Gestapo. Das Credo von Erdogan lautet „tek vatan, tek millet, tek bayrak, tek lider“ – also „ein Reich, ein Volk, eine Flagge, ein Führer“. Wohin dieser Weg führt, kennen wir aus unserer eigenen Geschichte.

In Österreich leben rund 200.000 bis 300.000 Personen türkischer Abstammung. Wie gut ist diese Gruppe Ihrer Meinung nach integriert?

Wenn man sich die vorhandenen Zahlen ansieht, spricht das leider eine sehr eindeutige Sprache. Fakt ist, dass die aus der Türkei stammenden Mitbürger jene Migrantengruppe darstellen, die am längsten in Österreich leben und die auch die meisten Kulturvereine sowie NGO-Ableger haben. Wenn man sich aber die gesellschaftliche Akzeptanz vor Augen führt, den Ausbildungsstand und die Positionen, die sie am Arbeitsmarkt einnehmen, belegen sie die hintersten Plätze. Unter den Türkischstämmigen gibt es eine sehr große Bandbreite religiöser, ethnischer und politischer Gruppierungen, die entweder miteinander kooperieren oder in Opposition zueinander stehen. Über diese Vereine bzw. Gruppierungen werden auch Konflikte und Probleme des Herkunftslandes nach Europa und Österreich getragen.

Was wiederum für Spannungen in Österreich sorgen kann ...

Natürlich, daher muss man ganz klar sagen, dass die Konflikte des Herkunftslandes auch im Herkunftsland gelöst werden müssen und auch nur dort gelöst werden können. Weil nur dort gibt es gewählte Volksvertreter. Hier braucht es seitens der österreichischen Politik eine ganz klare Haltung. Damit ich nicht missverstanden werde: Es geht dabei nicht darum, die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht zu beschneiden – ganz im Gegenteil, das steht auch diesen Menschen zu. Auch wenn man die Inhalte, für die sie eintreten, nicht teilt. Aber man sollte ganz klar sagen, dass die Lösungen der Probleme nur in der Türkei stattfinden können und nicht auf den Straßen Wiens. Und dass wir hier in Österreich genug Probleme haben – gerade was die Bildungsfrage und den Arbeitsmarkt betrifft. Das sind alles Themen, in die man Zeit und Energie investieren sollte. Das Hereinholen türkischer Innenpolitik nach Österreich löst zu Recht Unverständnis aus. Vor allem dann, wenn auch gewalttätige Erscheinungen zu Tage treten, ist es nicht vertrauensbildend gegenüber der Mehrheitsbevölkerung. Zudem spielt das letztlich auch den populistischen Parteien massiv in die Hände. Darum ist es wichtig, dass dieser Beschwichtigungspolitik, die jahrelang stattgefunden hat und von bestimmten Parteien auch nach wie vor verfolgt wird, ein Ende findet.

Welche kritischen Punkte sehen Sie für die Integration der türkischen Community in Österreich?

Wir haben in Österreich unterschiedliche politische und religiöse Gruppierungen, die teilweise auch eine Agenda verfolgen, die vom Herkunftsland vorgegeben wird. Es gibt viele Vereine und Gruppierungen, die unter dem österreichischen Vereinsrecht aktiv, aber de facto politische Parteien sind. Es kann nicht sein, dass unser Vereinsrecht missbraucht wird, das haben mittlerweile einige Politiker vollkommen richtig erkannt. Daher wird auch politisch diskutiert, wie man diesem Phänomen einen Riegel vorschieben kann. Generell muss man berücksichtigen, dass es unter den Türkischstämmigen eine große Vielfalt gibt. Darum kann man nicht pauschal beantworten, ob sie gut oder schlecht integriert sind. Unter den sehr reaktionären islamistisch und nationalistisch Eingestellten ist die Fragestellung sicher anders zu beantworten als bei jenen, die unsere Werte teilen. Bei denen, die eine säkulare, aufgeklärte Lebenseinstellung haben, wird die Antwort anders ausfallen. Aus meiner Erfahrung muss ich sagen, dass es im Bereich der nationalistisch islamistischen Gruppierungen keine Integration geben kann. Es gibt auch keine, weil hier die Wertehaltung und die Lebensmodelle so dermaßen entgegengesetzt sind und die Menschen, obwohl sie seit 50 Jahren hier leben, noch immer in ihrer eigenen Welt leben. Am deutlichsten sieht man das an der Stellung der Frau, wenn versucht wird, die Frau unsichtbar zu machen – sei es durch die Bekleidung oder an der mangelnden Teilhabe am öffentlichen Leben. Wie soll da eine Integration stattfinden? Wenn jemand beispielsweise die deutsche Sprache perfekt beherrscht, aber verschleiert in Erscheinung tritt? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, in Österreich so einen Job zu bekommen?

Wobei von niemandem verlangt werden kann, seine Religion aufzugeben ...

Natürlich nicht. Es gibt sie ja auch, die Leute, die aus der Türkei stammen, die Österreich aber als ihre Heimat ansehen, ihre Herkunft und Religion aber dennoch nicht verleugnen. Sie haben auch weniger Probleme. Das ist keine Frage der Herkunft oder Religionszugehörigkeit. Es ist eine Frage der Haltung und des Zugangs. Wir haben damals über die Gastarbeiterbewegungen viele Leute aus sehr bildungsfernen Schichten nach Österreich geholt, weil der Arbeitsmarkt andere Anforderungen gehabt hat. Die Voraussetzungen, nach Österreich einzuwandern, waren vor 50 Jahren gesund, arbeitswillig und ausreisewillig zu sein. Es sollte meines Erachtens im 21. Jahrhundert nicht mehr im Vordergrund stehen, wer woher kommt, welche Religion er hat oder welche Abstammung, sondern welche Haltungen und Werte jemand vertritt. Darum ist es so wichtig, dass man diese hart erkämpften Werte der Aufklärung hoch hält, verteidigt und nicht unter einer falsch verstandenen Toleranz aufweicht. Denn was wir in den letzten Jahren beobachten ist, dass mit dem Argument der Religionsfreiheit scheibchenweise angeblich religiöse Riten und Erscheinungsformen implementiert werden, die bei näherer Betrachtung mit der Religion nichts zu tun haben. Wenn beispielsweise ein Schulbub der Lehrerin den Handschlag verweigert, hat das nichts mit Religionsfreiheit zu tun. Das steht weder im Koran noch im Islam. Das ist eine Respektlosigkeit. Da herzugehen und zu sagen, „Na das muss man respektieren, weil das ist seine Kultur und Religion“, ist naiv. Unsere Aufgabe als Gesellschaft muss sein, jenen den Rücken zu stärken, die die Werte der Aufklärung hoch halten und auch verteidigen. Darum ist es auch wichtig, dass man gerade im Bereich der neu ankommenden Asylwerber vom ersten Tag an Klartext spricht und sie nicht einem luftleeren Raum überlässt, wo sich dann gewisse Gruppierungen aus den Herkunftsländern sich ihrer annehmen und die Situation verschärfen.

Wie schätzen sie den Einfluss aus der Türkei, zum Beispiel der AKP, auf die türkische Community in Österreich ein?

Man muss dazu sagen, dass die Politik bisher immer den Fehler begangen hat, dass sie diesen Vereinen und Gruppierungen zu viel an Bedeutung beigemessen hat. Es gibt Vereine und Gruppierungen, aber nicht alle Türkischstämmigen oder Kurdischstämmigen sind in diesen Vereinen vertreten oder besuchen sie. Nur vermitteln diese das immer so lautstark. Die Parteienlandschaft, die es in der Türkei gibt, spiegelt sich fast eins zu eins in Österreich wider. Was all diese Vereine, ob sie jetzt rechts oder links orientiert sind, gemeinsam haben: Sie investieren sehr viel in die Jugendarbeit. Dort bekommen sie auch den ideologischen Unterbau. Das ist eine Erklärung dafür, warum wir solche Bilder, wie man sie in der Vergangenheit gesehen hat, eben sehen. Hier gibt es Strukturen und Netzwerke, die in Österreich aktiv sind und massiv in die Jugendarbeit investieren. Im religiösen Bereich gibt es hier die ATIB-Vereine, die Milli Görüs, die Süleymancı, die Aleviten und weitere kleinere religiöse Gruppierungen.

Wie ist in dem Zusammenhang die Bewegung bzw. das Netzwerk um Fetullah Gülen einzuschätzen?

Viele dieser Vereine und Gruppierungen sind stark über religiöse Aktivitäten in Erscheinung getreten, zum Beispiel über Moscheenverbände, Koranschulen etc. Die Gülen-Bewegung ist einen komplett anderen Weg gegangen. Sie hat sich in Österreich, Europa und auch in anderen Ländern nicht über die Netzwerke der Moscheenvereine niedergelassen, sondern über die Bildungsschiene. Sie hat Bildungsinstitute, Nachhilfeinstitute und Studentenheime gegründet. Wir können uns darauf einstellen, dass unsere Bildungsverantwortlichen vom Bund abwärts in den nächsten Monaten und Jahren mit unterschiedlichsten Projekten, Schul-, Kindergarten- und Internatsgründungen konfrontiert sein werden, in denen versucht wird, über die Bildungsschiene die Netzwerke auch hier in Österreich zu installieren.

Was gilt es dann zu tun?

Ich habe vorhin gesagt, dass viele dieser Gruppen als Vereine in Erscheinung treten, de facto aber politische Parteien sind. Hier bedarf es einer Expertendiskussion, wie es rechtlich gestaltet werden kann, dass man dem einen Riegel vorschiebt, ohne die wertvolle und gute Arbeit der anderen österreichischen Vereine in Bedrängnis zu bringen, die im Sozial- und Sportbereich, karitativen Bereich tätig sind und hervorragende Arbeit leisten. Mittlerweile gibt es einige vernünftige Stimmen aus der Politik, die sagen: Wenn es Gruppierungen gibt, die Konflikte hereintragen und diese auch teilweise gewalttätig austragen, gehört das aufgelöst. Bei den handelnden Akteuren gehören aufenthaltsbeendende Maßnahmen eingeleitet. Diese Möglichkeit haben wir bereits im Fremdenrecht, Aufenthaltsrecht und selbst im Staatsbürgerschaftsrecht.

Wie schätzen Sie das Thema der Doppelstaatsbürgerschaft bei der türkischstämmigen Bevölkerung in Österreich ein?

Die Doppelstaatsbürgerschaften in dieser Intensität zu diskutieren, hat selbstverständlich mit den gegenwärtig sehr angespannten Beziehungen zwischen der Türkei und Österreich zu tun. Das dieses Thema virulent ist und nicht erst seit gestern auf der Agenda steht, wissen alle, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Ein innenpolitischer Konflikt zwischen einem SPÖ-geführten Verteidigungsministerium und einem ÖVP-geführten Innenministerium sollte nicht auf dem Rücken der betroffenen (türkischstämmigen) Präsenzdiener ausgetragen werden, die ja zuletzt ganz besonders in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt wurden. Das Problem liegt wie so oft im Detail. Man muss sich genau anschauen, wer den Antrag um Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft gestellt hat. War es ein Familienantrag – Antragsteller wären in diesem Fall die volljährigen Eltern und zwar für die gesamte Familie – oder ein Antrag, der von bereits Volljährigen selbst gestellt worden ist? Wenn es ein Familienantrag war und die Eltern ohne das Wissen der damals noch minderjährigen Kinder die türkische Staatsbürgerschaft für die gesamte Familie wieder beantragt haben, darf es nicht sein, dass die Kinder, die in Österreich aufgewachsen sind und ihren Präsenzdienst abgeleistet haben, dafür die Rechnung bezahlen. Selbst, wenn der Antrag um die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft von bereits erwachsenen volljährigen Türken gestellt worden ist und diese im Nachhinein wieder die türkische Staatsbürgerschaft beantragt haben, sollten wir die Thematik nicht kriminalisieren. Wem nützt der Entzug der österreichischen Staatsbürgerschaft? Wir können gegenwärtig nur unter großer Kraftanstrengung rechtskräftig negativ beschiedene Asylwerber außer Landes bringen. Wie sollten wir es dann schaffen, in Österreich aufgewachsene Personen außer Landes zu bringen, ohne bestehende Gesetzte wie das Recht auf Familienleben zu brechen? Wem würde so ein automatischer Entzug der österreichischen Staatsbürgerschaft nutzen? Erdogan und seine Ableger werfen Europa und insbesondere Österreich vor, ein Hort des Rassismus und der Türkenfeindlichkeit zu sein. Wir würden mit der Aberkennung von tausenden Staatsbürgerschaften von jungen Türken, die in Österreich aufgewachsen sind und hier ihren Lebensmittelpunkt haben, diese unweigerlich in die Hände von Erdogan und seinen Ablegern treiben und nur das bestätigen, was er von uns Österreichern hält. Davon abgesehen, dass diese Menschen sowieso über kurz oder lang einen anderen Aufenthaltstitel erhalten werden müssen, würden wir ein Klima schaffen, das den Nährboden für ein weiteres Auseinanderdriften der Gesellschaft bieten würde. Hier sollte man eine Regelung finden, die nicht weiter Öl ins Feuer gießt, sondern die Grenzen des Rechtsstaates aufzeigt, ohne die tausenden Personen in die Hände von Erdogan zu treiben.

Die Nettomigration von der Türkei nach Österreich war in den letzten Jahren zwar immer im Plus, aber doch recht niedrig. Wie schätzen Sie angesichts der aktuellen Ereignisse die zukünftigen Migrationsbewegungen von Türken nach Österreich und in die EU ein?

Wenn die Visa-Liberalisierung durchgehen sollte, dann rechne ich schon mit einem erhöhten Migrationsaufkommen aus der Türkei nach Europa bzw. nach Österreich, weil viele hier auch Familienangehörige haben. Aus menschlicher Sicht ist das absolut nachvollziehbar, wenn sie ihre Familienangehörigen herholen, sie einladen und ihnen zeigen möchten, wo und wie sie leben. Auf der anderen Seite gibt es mittlerweile sehr viele Syrischstämmige in Österreich. Wenn die Türkei jetzt den in der Türkei lebenden Syrern – wie angedeutet – die türkische Staatsbürgschaft verleiht, dann haben auch syrischstämmige Türken die Möglichkeit, über die Visafreiheit nach Europa und Österreich zu kommen. Nachdem hier viele Familienangehörige leben, wird das sicher zu einem Anziehungseffekt führen. Zudem gibt es aufgrund der politischen Entwicklungen mittlerweile sehr viele, die gefährdet sind und bedroht werden. Hier kann man damit rechnen, dass vielleicht aus bestimmten Bevölkerungsteilen vermehrt Asylanträge gestellt werden. Das hängt auch von der inner-türkischen Entwicklung ab. Vieles deutet darauf hin, dass es in einen Bürgerkrieg geht bzw. gibt es schon einen Bürgerkrieg, der aber noch regional und begrenzt ist. Wenn sich das so weiterentwickelt, sich die Zivilgesellschaft mit Waffen eindeckt, die islamistischen Strömungen immer mehr an Einfluss gewinnen und gleichzeitig der türkisch-kurdische Konflikt weitgehend eskaliert und in die Städte getragen wird, könnte das ebenfalls zu einem vermehrten Druck führen, aus der Türkei auszuwandern.

Was kann und sollte die Politik tun und wie sollten öffentliche Institutionen handeln?

Der Staat kann und soll natürlich über die Migration entscheiden, wer wann einwandern darf und wen man gerade benötigt. Da sind wir in einem riesengroßen Dilemma. Denn die, die wir brauchen, bekommen wir nicht, da Österreich aufgrund der deutschen Sprache, der massiven steuerlichen Belastungen und auch je nach Region und Branche wegen der Einstellung, die man gegenüber Migranten und Fremden hat, nicht besonders attraktiv ist. Das führt dazu, dass die gut Ausgebildeten, die wir eigentlich möchten, eher einen Bogen um Österreich machen. Und die, die wir eigentlich nicht brauchen, die unqualifizierten Analphabeten, eher kommen. In einer Hochleistungsgesellschaft brauche ich halt keine ungebildeten Leute mehr. Hier ist die Politik in einem massiven Spannungsfeld. Wir müssen die Diskussion ehrlich führen. Bis jetzt war es so, dass wenn jemand subsidiären Schutz oder einen positiven Asylbescheid bekommen hat, war er für immer da. Ich glaube, wir müssen verstärkt die Aufmerksamkeit dahin richten, von wo die Leute kommen. Es herrscht nicht überall Krieg, wie oft suggeriert wird. Es muss also auch zu Rückführungen kommen. Wie viele Aberkennungen haben wir denn? Das tendiert fast gegen null. Wir müssen der Bevölkerung reinen Wein einschenken, indem wir sagen: Wer Schutz braucht, bekommt sie, aber auch nur zeitlich befristet. Wenn wieder Ruhe im Herkunftsland einkehrt, dann muss man die Leute auch zurückführen. Aber man kann die Zeit sinnvoll nutzen und das tun wir nicht. Diese vielen Menschen, die hier sind, könnten wir als Multiplikatoren aufbauen. Damit wir mit unserer Wirtschaft einen Fuß in der Tür haben, wenn jene, die Brückenfunktion zwischen der Wirtschaft, den Kulturen und Religionen einnehmen, wieder zurückkehren. Was Besseres kann uns nicht passieren.

Efgani Dönmez ist Lektor an der Fachhochschule OÖ, Sozialarbeiter und Kolumnist für die "Oberösterreichischen Nachrichten". Zudem ist er Selbstständiger im Bereich Konfliktberatung und Mediation sowie Gründer und Initiator der Europäischen Bürgerinitiative gegen Extremismus.