04 Migration und Sicherheit
31.05.17

„Was sicher bei allen Bevölkerungsgruppen eine Rolle spielt, ist das familiäre Umfeld. Also was wird in der Familie vorgelebt?“

Interview mit Melike Yolsal 

Für Melike Yolsal sind ein niedriger Bildungsstand, Arbeitslosigkeit und kein familiärer Halt jene Faktoren, die zu einer kriminellen Neigung führen können. Sie betont, dass es wichtig sei, immer nur den Einzelfall zu betrachten und die Tat nicht unbedingt mit der Herkunft eines Täters in Verbindung zu bringen.

Als Richterin treffen Sie beinahe täglich Entscheidungen über die Schuld oder Unschuld von Angeklagten, hören viele Erklärungen und verschiedene Versionen von Tathergängen.  Beginnen wir daher mit den Motiven, oder besser gesagt mit den Risikofaktoren für Kriminalität unter Migranten.

Zunächst müsste man die Frage klären, was man unter Kriminalität verstehen will bzw. soll. Schließlich gibt es unterschiedliche Delikte wie etwa Delikte gegen Leib und Leben, gegen die Freiheit, fremdes Vermögen, Sittlichkeit, Staatsgewalt, Rechtspflege etc. Das kann man nicht alles in einen Topf werfen, daher ist es kaum möglich, allgemeine Risikofaktoren für Kriminalität zu benennen. Noch dazu unter Migranten.

Versuchen Sie es bitte dennoch.

Was sicher bei allen Bevölkerungsgruppen eine Rolle spielt, ist das familiäre Umfeld bzw. der Familienverband. Also was wird in der Familie vorgelebt? Ein harmonischer, respektvoller Umgang? Oder gibt es tägliche Konflikte beispielsweise um Finanzen und Gewalt in der Familie? Und welche Werte werden vermittelt? Interessieren sich die Eltern für ihre Kinder oder überlassen sie sich selbst?

Und speziell unter Migranten?

Hier sollte man wohl die Unterscheidung treffen, um welche Art von Migranten es sich handelt. Die eben aufgezählten allfälligen Risikofaktoren können sicher auf Arbeitsmigranten und ihre Familien zutreffen, aber keineswegs auf etwa jugendliche Flüchtlinge, die zum großen Teil ohne ihre Familie bzw. ohne eine Bezugsperson ihr Leben organisieren und Erlebtes verarbeiten müssen.

Wieso? Diese Jugendlichen können ja etwaige negative Erfahrungen aus ihren Familien mitgenommen haben. Sie beginnen in Österreich ja nicht bei null.

Das mag schon sein. Aber ich glaube trotzdem, dass bei diesen Jugendlichen andere Sorgen und Probleme vordergründig sind als negative Erfahrungen in der Familie.

Einer Auswertung verschiedener Quellen zufolge ist in Österreich jeder dritte Verdächtige einer Straftat ein Migrant. In Wien ist es sogar fast jeder zweite Verdächtige. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ein erklärbarer Grund könnte im Anzeigeverhalten der Bevölkerung und in der Täterbeschreibung liegen, die – betreffend der Herkunft – manchmal nur auf Vermutungen basieren, und zwar Vermutungen aufgrund der äußeren Erscheinung. Das Misstrauen gegenüber „Fremden“ ist schließlich nach wie vor höher als gegenüber österreichischen Staatsbürgern. So schließt man etwa von einer dunkelhäutigen Person und fremden Sprache automatisch auf den arabischen Raum und gibt diese Vermutung der Polizei weiter. Aber ein Verdächtiger ist nicht automatisch ein Angeklagter oder gar Verurteilter. Was hier interessant wäre, ist, ob es auch Studien dazu gibt, wie viele dieser Verdächtigen dann tatsächlich auch angeklagt und verurteilt bzw. freigesprochen werden.

Die gibt es leider (noch) nicht. Welche Rolle spielt bei der Kriminalität die altersmäßige Zusammensetzung der Migranten? Und Statusmerkmale wie Bildung, berufliche Stellung und familiäre Situation?

Ein niedriger Bildungsgrad, Arbeitslosigkeit und kein familiärer Halt führen vermutlich nicht nur bei Migranten (egal welcher Art), sondern auch bei österreichischen Staatsbürgern zu einer gewissen kriminellen Neigung (beispielsweise zu Vermögensdelikten). Ob das Alter eine große Rolle spielt, kann ich nicht wirklich beantworten.

Ist Gewalt vor allem eine kulturelle oder eine soziale Frage?

Und wieder müssten wir definieren, was unter Gewalt verstanden werden soll. Meint man damit körperliche Gewalt wie zum Beispiel Mord, Körperverletzung, strafbare Handlungen gegen die sexuelle Integrität etc. oder Vermögensdelikte unter Einsatz von Gewalt – wie etwa Raub und Erpressung?

Beides.

Dann nehmen wir Gewalt gegen Frauen als Beispiel. Es mag vielleicht zutreffen, dass in manchen Kulturen Gewalt gegenüber Frauen eher geduldet wird als in anderen. Dies lässt jedoch keine Rückschlüsse darauf zu, dass die Gewaltbereitschaft bei Personen aus diesen Kulturkreisen allgemein höher ist als bei Österreichern, zumal Gewalt in
österreichischen Familien auch nicht fremd ist. Meiner Erfahrung nach spielen hier doch eher soziale Aspekte – jedoch nicht nur monetärer Natur – eine Rolle.

Welche sozialen Aspekte meinen Sie?

Auf jeden Fall das soziale Umfeld (Wohngegend, Freundeskreis), durch das man mehr oder weniger beeinflusst bzw. motiviert wird. Auch das Bildungsniveau, das sich auf die Chancen auf dem Arbeitsmarkt – nämlich negativ – auswirken kann. Und natürlich sprachliche Hürden.

Würde man demnach die Statistiken von demografischen und sozioökonomischen Fragen wie Bildung, Einkommen etc. bereinigen, wären dann Ausländer Ihrer Meinung nach immer noch krimineller als Inländer?

Nein.

Gibt es spezielle Gewaltdelikte, die für bestimmte Nationalitäten typisch sind?

Ja, aber nur Klischees zufolge, die womöglich dadurch zustande kommen, dass in lokalen Medien Probleme mit Migranten eher einseitig dargestellt werden.

Ist es überhaupt zulässig, die Kriminalstatistik nach Ethnien aufzubereiten?

Die Frage ist wohl nicht die Zulässigkeit, sondern eher, ob es erforderlich ist, die Kriminalstatistik nach Ethnien aufzubereiten. Die Problematik einer solchen Kriminalstatistik – nämlich die Straftat mit der Herkunft der Täter in Verbindung zu bringen – kann dazu führen, dass der (bedauerlicherweise bereits vorhandene) Irrglaube entsteht, dass manche Ethnien krimineller sind als andere. Es kommt zu einer Pauschalierung.

Wie redet man dann am besten über dieses Thema, ohne als Ausländerfeind zu gelten?

Indem man immer nur den Einzelfall betrachtet und versucht, Vorverurteilungen zu vermeiden und die Tat nicht unbedingt mit der Herkunft eines Täters in Verbindung zu bringen.

Es gibt Ausländerfeindlichkeit unter Österreichern. Gibt es das auch umgekehrt? Also eine Art Österreichfeindlichkeit unter Ausländern?

Ich glaube schon. Wobei ich es nicht als Ausländerfeindlichkeit bezeichnen würde, sondern eher als tatsächliche „Angst vor dem Fremden“. Dies gilt für beide Seiten, denn man betrachtet immer nur die Unterschiede.

Steigt die Angst der Österreicher vor Ausländerkriminalität?

Vermutlich ja, was allerdings sicher aus der aktuellen Flüchtlingsdebatte und den damit zusammenhängenden Berichten resultiert.

Mit welchen Mythen und Klischees werden Sie beim Thema Ausländerkriminalität am häufigsten konfrontiert?

„Hätte das ein Österreicher gemacht, wäre die Strafe viel höher ausgefallen.“ 

Melike Yolsal ist Richterin am Bregenzer Bezirksgericht und Integrationsbotschafterin bei ZUSAMMEN:ÖSTERREICH. Zuvor absolvierte sie die HTL für Textilbetriebstechnik in Dornbirn und studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck.