05 Gewalt gegen Frauen
06.04.18

„Weibliche Genitalverstümmelung hat nichts mit Religion, Tradition oder Kultur zu tun. Es ist ein brutales Verbrechen, das streng bestraft werden muss.“

Interview mit Waris Dirie

Waris Dirie betont, dass weibliche Genitalverstümmelung nichts mit Religion, Tradition oder Kultur zu tun hat, sondern ein brutales Verbrechen ist, das streng bestraft werden muss. Sie macht darauf aufmerksam, dass auch dies in Europa mittlerweile weit verbreitet ist.  Im Zuge dessen fordert sie ein hartes und konsequentes Durchgreifen der Behörden.

Weltweit ist die Genitalverstümmelung von Mädchen immer noch weit verbreitet, in Teilen Afrikas oder Indonesiens beispielsweise. Welche Maßnahmen kann die westliche Welt, die Vereinten Nationen etwa, setzen, um dieser Grausamkeit Einhalt zu gebieten?

200 Millionen Frauen sind laut UN Statistik von FGM, also „female genital mutilation“, betroffen. Außerdem sind laut UNICEF 30 Millionen Mädchen in Afrika akut von FGM bedroht. Länder mit der höchsten FGM-Verbreitungsrate gehören zu den ärmsten Ländern der Welt und weisen sowohl die höchste Geburtenrate, als auch die höchste Analphabetenrate auf. Folglich kann und muss in Bildung investiert werden. 42 Prozent der Afrikanerinnen können weder lesen noch schreiben. Nur eines von 30 Schulkindern in Afrika hat Zugang zu einem Lesebuch. Ich habe gerade ein erstes Lesebuch für afrikanische Volksschülerinnen verfasst. Dieses werde ich in einer Bildungsbox mit Übungsheften, Buntstiften, Spitzer, Lineal und Radiergummi an eine Million Schulkinder in Afrika über meine Desert Flower Foundation (www.desertflowerfoundation.org) verschenken. Wer FGM stoppen will, muss also in Bildung investieren.

Was halten Sie von der Forderung, dass die Genitalverstümmelung nicht nur in einigen Ländern, sondern überall als eigenes Delikt gelten soll?

FGM ist schwere Körperverletzung und damit in allen Ländern strafbar. Viele Länder, auch in Afrika, haben mittlerweile sogar eigene, zum Teil sehr strenge Gesetze gegen dieses unsagbar grausame Verbrechen an unschuldigen kleinen Mädchen.

Gibt es auch Fälle von Genitalverstümmelung in Europa?

Auch in Europa ist FGM heute leider weit verbreitet. Mit meiner Desert Flower Foundation habe ich 2003 bzw. 2004 eine Recherche in allen großen europäischen Hauptstädten zu FGM gemacht und darüber das Buch „Schmerzenskinder“ veröffentlicht. Die Ergebnisse waren schockierend. 2006 haben wir auf Einladung der EU unsere Recherche vor dem Ministerrat der EU in Brüssel veröffentlicht. Danach haben viele europäische Staaten Gesetze gegen FGM erlassen oder verschärft und Kampagnen gestartet. Es wird aber noch immer viel zu wenig getan. Die britische Regierung geht davon aus, dass mittlerweile 140.000 Frauen alleine in England betroffen sind.

Mit welchen Irrtümern und Missverständnissen werden Sie bei diesem Thema am häufigsten konfrontiert?

Es gibt Menschen, die FGM mit Religion, Tradition oder Kultur zu rechtfertigen versuchen. FGM hat aber nichts mit Religion, Tradition oder Kultur zu tun. Es ist ein brutales Verbrechen an kleinen Mädchen, das streng bestraft werden muss.

Zwangsehen und das Verheiraten von Minderjährigen haben in Europa zuletzt wieder zugenommen. Auch durch die Flüchtlingsbewegung, weil Menschen aus Kulturkreisen nach Europa gekommen sind, in denen Zwangs- und Kinderehen üblich sind. Aber natürlich nicht nur. Dieses Phänomen kommt beispielsweise auch in der türkischen und bosnischen Kultur vor. Was können die hiesigen Regierungen bzw. die Gesellschaften dagegen tun?

Ich bin als Kind in der Wüste Somalias auf grausame Weise genital verstümmelt worden und an den Folgen fast gestorben. Mit 13 Jahren bin ich vor einer Zwangsehe geflüchtet, wäre beinahe in der Wüste verdurstet und wurde auf der Flucht von einem Lastwagenfahrer vergewaltigt. Niemand hier kann sich vorstellen, wie frauenverachtend einige Gesellschaften auf unserem Planeten immer noch sind. Dein Leben als Mädchen ist dort absolut nichts wert. Leute, die aus diesen Gesellschaften hierher kommen und leben, wissen ganz genau, dass Zwangs- und Kinderehen oder FGM hier verboten sind und machen es trotzdem, weil sie die Gesetze hier einfach nicht respektieren. Ich verlange, dass die Behörden hart und konsequent durchgreifen. Wer diese Gesetze nicht befolgt, muss streng bestraft werden oder darf gleich wieder dahin zurückfahren, wo er hergekommen ist. Diese Leute verstehen leider keine andere Sprache.

Welche Möglichkeiten haben junge Mädchen, die vor einer Zwangsverheiratung stehen, sich dagegen zu wehren und aus ihren Familien auszubrechen? Gibt es für diese Mädchen genug Unterstützung vonseiten der Behörde?

Lehrerinnen müssen sensibilisiert werden, denn ihnen können sich die Mädchen, wenn sie bedroht sind, anvertrauen. Von den Behörden erwarte ich mir, dass alles getan wird, um diesen Irrsinn zu stoppen. Und von der Politik erwarte ich mir klare Worte.

Waris Dirie ist Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen gegen weibliche Genitalverstümmelung. 2002 gründete sie die Desert Flower Foundation, um ihre Arbeit im Kampf gegen weibliche  Genitalverstümmelung zu unterstützen. Sie selbst ist Tochter einer Nomadenfamilie in Somalia und wurde in ihrer Kindheit Opfer von FGM. Mit 13 Jahren flüchtete sie vor der Zwangsverheiratung mit einem älteren Mann nach London. Dort wurde sie als Model entdeckt und startete eine international erfolgreiche Karriere als Supermodel.