Positionen des Direktors
22.03.17

Der aufgeklärte Islam steht erst am Anfang

Kommentar von ÖIF-Geschäftsführer Franz Wolf vom 20. März 2017 im Magazin "Cicero".

Arbeitgeber dürfen laut einem EuGH-Urteil das Kopftuch am Arbeitsplatz verbieten. In Österreich aber ruft die Islamische Glaubensgemeinschaft, immerhin die gesetzliche Vertretung des Islam, Musliminnen zum Tragen des Schleiers auf. Das Beispiel zeigt, dass die Frage, wie ein europäisch geprägter Islam aussehen kann, längst nicht beantwortet ist.

Mehr als sechs Prozent der europäischen Gesamtbevölkerung sind Muslime, laut Studien soll der Anteil bis 2050 auf fast zehn Prozent anwachsen. Insbesondere seit der großen Flüchtlingsmigration im Jahr 2015 stieg die Zahl der Muslime in Ländern wie Schweden, Deutschland und Österreich, die besonders viele Flüchtlinge aufgenommen haben, stark an. Laut aktuellen Schätzungen sind ungefähr 700.000 der 8,7 Millionen Menschen in Österreich Muslime, Tendenz nach wie vor steigend. Analysen gehen davon aus, dass ihr Anteil in den nächsten 30 Jahren auf bis zu einem Viertel der Gesamtbevölkerung steigen könnte.

Islam in Österreich

Vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl an Muslimen - aktuell vor allem aus Krisengebieten wie Syrien oder Afghanistan - stellt sich die Frage, wie ihre Integration in einem säkularen, wenngleich auch religionsfreundlichen, demokratischen Staat besser gelingen kann. In Österreich wurde der Islam bereits im Jahr 1912 gesetzlich anerkannt. Das damalige Islamgesetz war eine Reaktion auf die Integration der stark muslimisch geprägten Bevölkerung Bosniens und Herzegowinas in die Donaumonarchie. Das Gesetz stärkte die rechtliche Gleichstellung von Muslimen und sicherte ihnen Rechte wie jenes auf eine eigene institutionelle Vertretung zu. Zugleich verdeutlichte es die Erwartungshaltung gegenüber den Muslimen, dass Gesetze der Monarchie respektiert und anerkannt werden müssen.

Religiöse Gebote wichtiger als Gesetze

Die jüngsten Entwicklungen in Österreich verdeutlichen nun ein Problem, das ganz Europa betrifft: Unter Muslimen, insbesondere auch jenen, die erst vor Kurzem nach Österreich gekommen sind, herrscht oft ein deutliches Missverhältnis zwischen der theoretischen Zustimmung zu einem europäischen, rechtsstaatlichen Wertekonzept und der praktischen Bedeutung für das eigene Leben.

So ergab eine Anfang 2017 durchgeführte Erhebung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unter syrischen, afghanischen und irakischen Flüchtlingen, dass sie die Demokratie weitgehend als beste Staatsform sehen.Gleichzeitig sind aber 35 Prozent der Befragten der Meinung, dass religiöse Gebote über staatlichen Gesetzen stehen. Auch die österreichische Lebensweise beurteilen vier von zehn als zu freizügig. Lediglich 60 Prozent aller Befragten plädieren für die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau. Angesichts dieser Ergebnisse gewinnt vor allem eine Frage zunehmend an Dringlichkeit: Wie viel Europa braucht der Islam?

Stillstand statt Fortschritt

Derzeit gibt es kein klares Bild davon, was den Islam in Europa und Österreich ausmacht und wer für ihn sprechen kann. Häufig kommen die Meinungsführer der öffentlichen Debatte von den extremen Rändern islamischer Strömungen. Gelegentlich präsentieren sich diese sogar als vermeintlich unabhängige Experten. Ihr Ziel ist zu oft nicht das Ankommen der Muslime in Österreich, sondern die Durchsetzung eigener Interessen.

Auch die politischen Einflüsse aus Herkunftsländern durch und auf islamische Verbände und Organisationen in Europa wirken fatal. Die problematische Vermischung von Islam und Politik ist zunehmend stärker sichtbar, beispielsweise bei Demonstrationen von AKP-Sympathisanten, die oft von "Allahu Akbar"-Rufen begleitet werden. Inhaltlich werden viele kritische Themen wie etwa Fragen zum Schwimmunterricht für muslimische Mädchen, die Diskussionen zur Verschleierung von Frauen oder Fragen zur Sexualität oft mit einem grundsätzlichen Verweis auf Glaubensregeln abgeblockt, mit allgemeinen Floskeln abgetan oder unter Verweis auf die Religionsfreiheit für unantastbar erklärt. Anstatt sich mit konkreten Fragestellungen zu beschäftigen, bleiben Diskussionen oft fortschrittslos in Grundsatzbotschaften stecken.

Konfliktstoff Kopftuch

Das gilt insbesondere für die Diskussion um das Thema Vollverschleierung. Von muslimischer Seite wird die öffentliche Debatte häufig als eine völlig unbedeutende Symboldebatte disqualifiziert. Die muslimische Frau kleide sich so, wie sie selbst es für richtig halte, wurde anlässlich einer Demonstration gegen das geplante Vollverschleierungsverbot in Österreich argumentiert. Wohlgemerkt betrifft dieses Verbot nur die vollständige Verhüllung im öffentlichen Raum. Das Tragen des Kopftuchs bleibt davon unberührt. Zugleich hat die gesetzliche Vertretung des Islam in Österreich, die Islamische Glaubensgemeinschaft, vor Kurzem eine Fatwa veröffentlicht, die sich mit der Verschleierung der Frau beschäftigt: "Für weibliche Muslime ab der Pubertät ist in der Öffentlichkeit die Bedeckung des Körpers, mit Ausnahme von Gesicht, Händen und nach manchen Rechtsgelehrten der Füße, ein religiöses Gebot und damit Teil der Glaubenspraxis", heißt es darin.

Ursprünglich wurde dieser Beschluss des Beratungsrates der Islamischen Glaubensgemeinschaft als "Kopftuch-Gebot" bezeichnet. Nach der ersten Aufregung in der Öffentlichkeit wurde der Titel auf "Stellung der Verhüllung im Islam" geändert, der Inhalt blieb aber unverändert. Besonders aktuell wird die Debatte rund um die Verschleierung nicht zuletzt aufgrund eines aktuellen Entscheids des Europäischen Gerichtshof (EuGH), der besagt, dass Arbeitgeber religiöse Symbole, worunter auch das islamische Kopftuch fällt, unter bestimmten Bedingungen verbieten dürfen. Im Urteil heißt es: "Im Ergebnis stellt daher das Verbot, ein islamisches Kopftuch zu tragen, das sich aus einer internen Regel eines privaten Unternehmens ergibt, die das sichtbare Tragen jedes politischen, philosophischen oder religiösen Zeichens am Arbeitsplatz verbietet, keine unmittelbare Diskriminierung wegen der Religion oder der Weltanschauung im Sinne der Richtlinie dar."

Mit ihrem explizit formulierten Kopftuch-Gebot bringt die Islamische Glaubensgemeinschaft Musliminnen nun eindeutig in Konflikt mit einem derartigen Urteil, was vor allem ihrer Integration in den Arbeitsmarkt wenig förderlich ist.

Die Verunsicherung steigt

Derartige Debatten schaden dem Fortschritt des Islam in Europa und dessen Bild in der Öffentlichkeit enorm und führen bei der Bevölkerung zunehmend zu einem Gefühl der Verunsicherung. So beurteilen laut einer aktuellen Erhebung sechs von zehn befragten Österreichern das Zusammenleben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen als negativ. Religionsfreiheit hat Grenzen, die klar zu definieren sind. Der Rechtsstaat ist der Maßstab für das Zusammenleben.

Es braucht einen aufgeklärten Islam, der auf den Fundamenten von Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten steht. Mit dem 2015 adaptierten Islamgesetz von 1912 wurden in Österreich dafür die Grundlagen geschaffen. Es verankert einen gesetzlichen Anspruch auf islamische Seelsorge beim Militär, in Gefängnissen, Krankenhäusern und Pflegeheimen. Islamische Friedhöfe werden darin dauerhaft abgesichert. Zudem verbietet es die laufende Finanzierung von Religionsgesellschaften aus dem Ausland, um ausländischer Einflussnahme vorzubeugen. Diese Schritte können allerdings nur Teil einer umfassenderen Lösung sein.

Moderate Kräfte stärken

Gerade die steigende Zahl der moderaten und aufgeklärten Stimmen im Islam findet in Österreich wie auch in Europa zu wenig Gehör. Gemäßigte Kräfte, die für einen europäisch geprägten, moderaten und toleranten Islam eintreten, müssen gestärkt werden. So bedarf es auch der Entwicklung einer europäischen islamischen Theologie als Fundament. In Österreich wurde mit der Einführung von Lehrstühlen für islamische Theologie an den Universitäten bereits der Grundstein dafür gelegt. Letztendlich kann das Zusammenleben in Österreich nur auf Basis eines aufgeklärten Islam gelingen. Dieser befindet sich allerdings erst am Anfang eines langen Weges.

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