Positionen des Direktors
13.12.16

Der lange Weg zum sich selbst erhaltenden Bürger

Kommentar von ÖIF-Geschäftsführer Franz Wolf vom 13. April 2016 in der Tageszeitung "Die Presse"

Gemeinnützige Arbeit: Erster Schritt der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt.

Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt ist eine enorme Herausforderung. Im März 2016 waren fast 23.000 Asylberechtigte beim AMS als arbeitslos vorgemerkt oder in Schulungen, eine Zahl, die wohl noch weiter ansteigen wird. Der Eintritt in den Arbeitsmarkt markiert den entscheidenden Schritt im Integrationsprozess, durch den ein Flüchtling vom Empfänger von Sozialleistungen zum selbsterhaltungsfähigen Bürger wird.

Bis zu diesem Schritt ist es jedoch für die meisten Asylberechtigten ein langer Weg. Ganze fünf Jahre dauert es derzeit, bis gerade einmal die Hälfte der arbeitsfähigen Asylberechtigten ihren Lebensunterhalt selbstständig wird bestreiten können.

Es gilt zu verhindern, dass Flüchtlinge ohne vernünftige Beschäftigung ihren Tag verbringen. Was kann getan werden, bis die erste Stelle gefunden wird? Nichtstun ist jedenfalls das Gegenteil von Integration. Nichtstun isoliert, führt zu willkürlicher Tagesgestaltung, kostet Geld und lässt außerdem Fähigkeiten ungenutzt.

Eine noch immer zu wenig genutzte, aber vielversprechende Möglichkeit ist gemeinnützige Arbeit. Flüchtlinge können dabei Arbeiten für das Gemeinwohl erledigen: Sie helfen im Seniorenheim, pflegen öffentliche Anlagen oder halten Wanderwege sauber. Diese Arbeit ist mehrfach wichtig: Sie schafft bessere Akzeptanz von Flüchtlingen, erhöht den Kontakt mit Einheimischen durch sinnvolle Tätigkeiten – was auch zu verbesserten Deutschkenntnissen beitragen kann – und gibt Flüchtlingen einen strukturierten Alltag.

Bessere Chancen auf Arbeit

Eine sinnvolle Beschäftigung zu haben stärkt auch eine beiderseitige Verbundenheit mit der gesamten Gemeinschaft.

Gemeinnützige Arbeit hat weder etwas mit Lohndumping, noch mit der Verdrängung einheimischer Arbeitskräfte zu tun. Es gibt genügend Möglichkeiten für sinnvolle Arbeiten. Wer dort Leistung bringt und Arbeitserfahrung sammelt, hat auch bessere Chancen für den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Wer jedoch vom Gemeinwohl leben, aber nichts zum Gemeinwohl beitragen will, dem ist mit Konsequenzen wie etwa dem Kürzen von Sozialleistungen zu begegnen.

Verantwortung übernehmen

Als Solidargemeinschaft nimmt sich Österreich der Sicherheit und der Versorgung jener an, die in einer Notlage sind. Von unserem Sozialsystem profitieren Flüchtlinge ebenso wie Österreicherinnen und Österreicher. Wir können von ihnen verlangen, dass sie dafür im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Bestes geben, um sich aus ihrer Lage als Sozialleistungsempfänger zu befreien.

Österreichs Wohlstand basiert auf der Solidarität des Einzelnen zur gesamten Gemeinschaft. Dies ist ein Wert, den es auch Flüchtlingen zu vermitteln gilt. Wir können von ihnen Engagement für das Gemeinwohl erwarten, sodass unser soziales Sicherungssystem in einer gemeinsamen Zukunft überhaupt noch funktionieren kann.

Österreich kann eine neue Heimat für Flüchtlinge werden. Wenn das nicht gelingt, wird die Heimatlosigkeit von Flüchtlingen unumgänglich zu Problemen führen. So schrieb Stefan Zweig: „Gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts mehr Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen.“

Heimat ist dort, wo ich mich einbringe und wo ich Verantwortung übernehme. Heimat ist mehr als ein Ort des Geistes. Aufrichtig sind Flüchtlinge, wenn sie für den Schutz und die Versorgung, die Österreich ihnen bietet, auch Einsatz und Leistung erbringen – und sie somit Verantwortung für unser Land übernehmen.

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