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13.12.16

Die Integration der Asylberechtigten als Sisyphosarbeit

Kommentar von ÖIF-Geschäftsführer Franz Wolf vom 11. September 2015 in der Tageszeitung "Die Presse"

Deutsch vermitteln, Arbeit ermöglichen, die Grundwerte näherbringen.

Österreich nimmt derzeit täglich neue Flüchtlinge auf. Schon im ersten Halbjahr gab es mehr Anträge als im gesamten Jahr 2014. Das Bild ist in Deutschland dasselbe: Hunderttausende suchen eine neue Heimat. Aufnahme und Unterbringung dieser Menschen sind die unmittelbaren Herausforderungen. Doch dabei dürfen wir nicht stehen bleiben. Die größere Aufgabe beginnt erst danach, mit der Integration von Asylberechtigten in unsere Gesellschaft.

Wer auf der Flucht vor Krieg und Terror ist, findet in Österreich Schutz. Viele derer, die heute ankommen, werden morgen bei uns leben. Schätzungen gehen von rund 30.000 positiven Asylbescheiden in diesem Jahr aus. Das sind so viele wie in den vergangenen acht Jahren bis 2014 zusammen. Der Vergleich verdeutlicht die Größe der Aufgabe, vor der wir stehen.

Damit sich diese zehntausenden Menschen in Österreich integrieren und das Zusammenleben mit der Aufnahmegesellschaft gelingt, sind drei Punkte unabdingbar: Es gilt, die deutsche Sprache zu vermitteln, die Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren und ihnen unsere Grundwerte und Kultur näherzubringen. Das passiert nicht von allein. Asylberechtigte haben zwar uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt, können dort aber häufig nicht erfolgreich Fuß fassen – sei es wegen nicht vorhandener Sprachkenntnisse, fehlender Qualifikationen oder weil diese in Österreich nicht anerkannt sind.

Eine Vielzahl von Maßnahmen

Sie kommen zudem oft aus Ländern, deren politisches, wirtschaftliches, gesellschaftliches und kulturelles System sich stark von unserem unterscheidet. All das verlangt eine Vielzahl von Maßnahmen. Deutschkurse müssen ebenso zur Verfügung stehen wie die Möglichkeit, außerhalb des Unterrichts unsere Sprache zu üben – am besten in direktem Kontakt mit Einheimischen. Auf dem Arbeitsmarkt ist die Lage aktuell generell schwierig. Die Entbürokratisierung der Anerkennung mitgebrachter Qualifikationen ist wichtig, damit Flüchtlinge ihre Chancen und ihre Fähigkeiten nützen können.

Hilfe zur Selbsthilfe

Zugleich müssen wir darauf achten, etwaige Illusionen über das Leben in Österreich nicht fortzuschreiben. Wer in unserem Land gut leben will, muss eine realistische Vorstellung davon haben, was die Gesellschaft von ihm erwartet.

In den vergangenen Tagen hat Österreich eine Welle der Hilfsbereitschaft erlebt. Unzählige Menschen haben Flüchtlingen die Hände gereicht. Diese Hände werden wir auch in den nächsten Jahren brauchen. Denn Integration findet zwischen Menschen statt.

Doch alle Hilfe kann letztlich nur Hilfe zur Selbsthilfe sein. Jeder Mensch, der neu nach Österreich kommt, ist gefragt, sich aktiv einzubringen, um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Wer nicht abgewiesen und weggedrängt wird, sondern Österreich als neue Heimat kennenlernt, wird in Zukunft auch Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen.

Die Herausforderung gleicht einer Sisyphosarbeit. Der Stein ist schwer und der Berg, auf den wir ihn hinaufrollen müssen, ist steinig und steil. Angesichts aktueller und zu erwartender künftiger Flüchtlingswellen sind Rückschläge auf dem Weg unvermeidbar. Doch wir müssen ihn konsequent gehen, um Flüchtlingen eine Zukunft zu geben und das friedliche Zusammenleben zu sichern.

Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, heißt es bei Albert Camus. So hat es der Vorsitzende des Expertenrates für Integration, Heinz Fassmann, zuletzt formuliert. Und was kann heute sinnstiftender sein, als den Stein des sozialen Friedens zu rollen?

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