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06.12.18

Über Heimat und Identität

erschienen in Perspektiven Integration 3/2018

Heimat bedeutete einmal den Besitz von Haus und Hof – wo man das Recht hatte, zu bleiben. Im deutschsprachigen Raum war Heimat ein Rechtsbegriff: Wer kein Heimatrecht hatte oder dieses verlor, der musste in die Fremde. Erst im 19. Jahrhundert vollzog sich ein Wandel im Verständnis des Wortes. Heimat wurde stärker mit Gefühlen verbunden und in Liedern besungen. Im Zuge der Industrialisierung wurde Heimat auch zu einem Gegenentwurf der Moderne, bis hin zur Idealisierung eines Ortes, den man verlassen hatte. „Heimat ist eine Verlustanzeige“, wie es der österreichische Philosoph Rudolf Burger einmal formulierte.

Geborgenheit, Sicherheit, Unbeschwertheit, das Gefühl der Zugehörigkeit, Landschaften, die man liebt und Menschen, bei denen man sich zu Hause fühlt – Heimat ist auch Sehnsucht für jene, denen sie unerreichbar scheint oder die sie für verloren halten. Jene Eindrücke, die Stefan Zweig im Exil in seiner Autobiographie „Die Welt von gestern“ beschreibt, zeigen auch ein aktuelles Problem zu Heimatlosigkeit angesichts von Migration auf: „Aber ich beklagte das nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts mehr Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen.“ Jean Amery weist in seinem vielbeachteten Essay „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“ darauf hin, dass gerade Sprache und Umwelt in der Kindheit wesentlich prägen und dass diese Vertrautheit im Alter bei einem Verlust der Heimat nicht mehr wiederherstellbar ist. Sein Urteil: „Es ist nicht gut, keine Heimat zu haben. Es gibt keine neue Heimat. Man muss erst Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.“

Alle Parteien in Österreich und selbst der Bundespräsident haben in den letzten Jahren den Begriff Heimat in der Wahlwerbung verwendet: „Heimat braucht Zusammenhalt“, „Meine Heimat Österreich. Stolz drauf.“, „Heimat verpflichtet“, „Heimat beschützen“, „Heimat ist, was wir daraus machen“, „Heimat lieben. Freiheit leben“, „Heimat Österreich – Ein Aufruf zur Selbstverteidigung.“ Heimat ist für die Österreicher mehrheitlich ein positiver Begriff. Neben Sprache, Kultur und der Pflege von Traditionen werden Werte wie etwa soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz oder Sicherheit als zentral für das funktionierende Zusammenleben in Österreich gesehen. Zugehörigkeit, Heimat und Identität sind jedenfalls keine unbedeutenden Felder in der Integrationsdebatte. Wie entsteht Zugehörigkeit eines Zuwanderers oder Flüchtlings im neuen Land, ab wann wird es zu seiner Heimat? Und auch für Österreicher gilt: Wohl erst die Festigung des Eigenen ermöglicht die ehrliche und offene Begegnung mit dem Fremden.