Neuer Sammelband: Islam europäischer Prägung

Seit der letzten Volkszählung im Jahr 2001 hat sich der Bevölkerungsanteil der Muslim/innen in Österreich von 4 auf 8 Prozent in etwa verdoppelt. In absoluten Zahlen entspricht dies rund 700.000 Muslim/innen in ganz Österreich. In den kommenden Jahren wird sich diese Zahl weiter erhöhen. Je nach Szenario ist bis zum Jahr 2046 mit einem Anstieg des Anteils der Muslim/innen an der Gesamtbevölkerung in Österreich auf bis zu 21 Prozent zu rechnen. In Wien könnte bis dahin nahezu jede/r Dritte muslimischen Glaubens sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl an Muslim/innen, derzeit vor allem aus Ländern wie Syrien und Afghanistan, stellt sich die Frage, wie die Integration in einem säkularen, wenngleich religionsfreundlichen, demokratischen Staat gelingen kann. Ein Blick auf die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Donau Universität Krems von Peter Filzmaier und Flooh Perlot zeigt, dass unter vielen Muslim/innen in Österreich Ansichten und Vorstellungen vorherrschen, die nicht zu unserer Gesellschaft passen.

Dies zeigt auch, dass viele Menschen, die nach Österreich kommen, oft durch andere Wertesysteme geprägt sind, was auch mit der Religion und den damit verbundenen Wertehaltungen zusammenhängt. Moderate und aufgeklärte Stimmen im Islam finden dabei noch zu wenig Gehör.

Der vorliegende Sammelband soll zu dieser Diskussion einen Beitrag leisten und einen Weg aufzeigen, wie ein Islam europäischer Prägung aussehen kann. In zehn Beiträgen widmen sich renommierte Expert/innen aus verschiedenen Fachrichtungen unterschiedlichen Aspekten eines Islam europäischer Prägung.

Den Auftakt bildet ein Beitrag des islamischen Religionspädagogen Mouhanad Khorchide, der in seiner Analyse die Bedeutung eines Islam europäischer Prägung vor allem vor dem Hintergrund eines gemeinsamen europäischen Wertefundaments beleuchtet. Ein europäisch geprägter Islam, so Khorchide, fragt nach dem Menschen, nach seiner Freiheit, nach seiner Selbstbestimmung, nach seinem Wohl, nach seiner Glückseligkeit und nach seiner Verantwortlichkeit für sich und für das Kollektiv.

Der Rechtsphilosoph Christian Stadler stellt daraufhin eingehende Reflexionen zu den rechtskulturellen Wertegrundlagen der europäischen Rechtszivilisation an. Im Dialog mit einem Islam europäischer Prägung muss es laut Stadler auch darum gehen, gemeinsame Wertefundamente aufzusuchen und kritisch zu reflektieren. Wolfram Reiss zieht in einem Exkurs Parallelen zur Integration nicht-islamischer Religionsgemeinschaften in deutschsprachigen Ländern und stellt unter anderem fest, dass andere Religionsgemeinschaften vor sehr ähnlichen Problemen stehen wie der Islam.

Einen Blick in die Geschichte wirft Rüdiger Lohlker in seinem Beitrag über die muslimische Zeit auf der Iberischen Halbinsel, auch al-Andalus genannt. Er geht dabei unter anderem der Frage nach, ob das Bild eines friedlichen bzw. kooperativen Zusammenlebens von Menschen verschiedenen Glaubens zutreffend ist. Zekirija Sejdini rückt die Universitäten mit ihrem gesellschaftlich-öffentlichen Bildungsauftrag ins Zentrum der Aufmerksamkeit und sieht in der Etablierung der islamischen Theologie an europäischen Universitäten eine Chance für die islamische Theologie selbst, um sich in einem freien Raum, wie es die Universität ist, zu erneuern und neue theologische Ansätze zu liefern.

Katharina Pabel widmet sich dem neuen österreichischen Islamgesetz von 2015, welches das bisherige Islamgesetz aus dem Jahr 1912 abgelöst hat. In der Zusage des Staates etwa, islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen zu ermöglichen und den Aufbau von Forschung und Lehre in islamischer Theologie zu unterstützen, sieht Pabel ein Angebot zur Stärkung konstruktiver Kräfte der muslimischen Gemeinschaften in Österreich und den Versuch, die Integration der Muslim/innen zu fördern.

Der Beitrag von Farhad Khosrokhavar widmet sich dem Islam in Frankreich und Großbritannien und Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen "französischem Laizismus" und "britischem Multikulturalismus". Der Artikel von Saïda Keller-Messahli bietet hingegen einen Überblick über die Geschichte und Gegenwart des Islam auf dem Balkan, in dem die Autorin ein entschiedenes Auftreten gegen den Islamismus fordert.

Handan Aksünger widmet ihren Beitrag der Geschichte des Alevitentums und der Situation der anatolischen Alevit/innen in Deutschland und Österreich heute. Über die Eröffnung der liberalen Ibn-Rush-Goethe Moschee in Berlin im Juni 2017 und die Notwendigkeit eines liberalen Islam in Europa schreibt abschließend die Autorin und Rechtsanwältin Seyran Ateş.

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