Forschungsdiskurs

Mit einem kurzen Blick auf die Nachrichten der Printmedien sowie die digitale Berichterstattung wird erkennbar, dass derzeit ein Thema Hochkonjunktur hat, das sowohl Wissenschaftler/innen, Politiker/innen als auch Eltern beschäftigt. Die Rede ist von der "sprachlichen Frühförderung". 

Der Österreichische Integrationsfonds bemüht sich, die wesentlichen Bereiche des aktuellen Forschungsdiskurses aufzuzeigen und so zum Verständnis rund um die sprachliche Frühförderung beizutragen.

Die Debatte hinter der Forderung nach sprachlicher Frühförderung

Die Frage nach der Einführung zusätzlicher Sprachförderung für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen wurde durch bedenkliche Ergebnisse der PISA- (Programme für International Student Assessment) und PIRLS- (Progress in International Reading Literacy Study) Studien aufgeworfen und führte dazu, dass die Diskussion um sprachliche Frühförderung auf die bildungspolitische Ebene gehoben wurde.[i]

Intensiviert wurde die Forderung nach sprachlicher Frühförderung auch durch die Annahmen, dass sprachliche Rückstände während der Schulzeit oft nur sehr schwer aufzuholen sind und Kindern nicht nur im Deutschunterricht, sondern auch in anderen Fächern Probleme bereiten. Dies zeigt sich durch nachweisliche Leistungsdefizite dieser Kinder.[ii]

Im Zuge dieser Diskussionen tritt der elementarpädagogische Bereich (z.B. der Kindergarten) als erste Bildungsinstanz auf. Es liegt die Vermutung nahe, dass Kindergärten als Orte des frühen Spracherwerbs als jene Bildungseinrichtungen gesehen werden können, die für einen nachhaltigen Erfolg bedeutend sind.[iii] Denn die Sprache gilt als Schlüssel für erfolgreiche Integration und kann nicht früh genug gefördert werden. 

Damit sichergestellt ist, dass die Maßnahmen der sprachlichen Frühförderung allen Kindern zu Gute kommen, die Hilfe beim Erlernen der deutschen Sprache brauchen, wird schon im Kindergarten eine „Sprachstandsfeststellung“ durchgeführt.

Die theoretische Grundlage der Sprachentwicklung

Der Kindergarten als Ort sprachlicher Frühförderung ist nicht willkürlich gewählt, sondern stützt sich auf theoretische Konzepte über den Prozess der Sprachentwicklung. Kinder sind imstande, das hochkomplexe System der Sprache schon vor dem Eintritt in die Schule zu erlernen. Dabei stehen ihnen nicht nur ihre genetischen Ressourcen und ihre kognitiven Anlagen zur Verfügung, sondern vor allem ihr Bedürfnis nach interaktiven Kontakten. [iv]

  • Die Fähigkeit des Spracherwerbs kann also auf Reifungsprozesse des Gehirns zurückgeführt werden, die speziell in frühester Kindheit das Erlernen der Sprache ermöglichen. Diesbezüglich kann von einem bestimmten Entwicklungsfenster ausgegangen werden, in welchem Kindern ein außergewöhnliches Gelingen im Bereich der Sprachaneignung möglich ist. Es wird angenommen, dass dieses optimale Entwicklungsfenster bis zum vierten Lebensjahr weit geöffnet ist. [v]
  • Neben dieser genetischen Disposition sind es allgemein kognitive Fähigkeiten, mithilfe derer sich das Kind weitere Bereiche der Sprache erschließt. Je älter das Kind wird, desto maßgeblicher gestaltet sich der Ausbau dieser Kompetenzen. Die Sprache wird nach und nach zu einem Hilfsmittel, um sich die Welt außerhalb der gegenwärtig erlebten Situation denkend zu erschließen und zu ordnen. Diese Fähigkeit benötigt das Kind während seiner weiteren Schullaufbahn, um die vorgegebenen Bildungsinhalte zu erfüllen. [vi]
  • Doch die genetischen Anlagen und die kognitiven Ressourcen sind nicht ausreichend, um das Kind beim Spracherwerb zu motivieren. Die letzte Komponente im erfolgreichen Lernen einer Sprache stellt die Interaktion mit primären und sekundären Bezugspersonen sowie die aktive und selbstständige Auseinandersetzung mit der Umwelt dar. [vii]

Ausgangspunkt sprachlicher Frühförderung

Die sprachliche Frühförderung nützt in erster Linie das Bedürfnis des Kinds nach interaktiven Kontakten. Mit dem Eintritt in den Kindergarten eröffnet sich eine neue sprachliche Lebenswelt für das Kind. Neben den familiären Bezugspersonen treten nun Pädagog/innen an die Seite des Kinds, um dessen weitere Entwicklungsschritte zu begleiten, anzuregen und zu unterstützen. In der Kindergartenstruktur lässt sich eine Tendenz hin zu konzeptuell integrierten Fördermodellen erkennen, welche davon ausgehen, dass Spracherwerb immer und in allen interaktionalen Zusammenhängen des Kindergartens stattfindet. Basis dafür ist die Orientierung an den Ressourcen des Kindes: Erfolgreiche Sprachförderung geht von den beobachteten Stärken des Kinds aus und beachtet dessen sprachliche Individualität sowie dessen entwicklungsbedingte Voraussetzungen (Wahrnehmung, Motorik, Sozialverhalten, Lernmotivation). [viii]

Zielvorstellungen

Natürlich handelt es sich bei dem Konzept der sprachliche Frühförderung um ein zielorientiertes Unterfangen. Die positiven Ergebnisse, die erzielt werden, können entscheidend für die Zukunft der Kinder sein. Denn es ist anzunehmen, dass Kinder mit einer anderen Erstsprache als Deutsch in unserem Bildungssystem in hohem Maß benachteiligt sind. Sie werden häufiger vom Schulbesuch zurückgestellt, wiederholen häufiger eine Klasse und verlassen im Vergleich zu Kindern mit Deutsch als Erstsprache häufiger die Schule ohne Abschluss. [ix] So wird beispielsweise in den Endberichten der PISA- und PIRLS-Studie (2006) darauf hingewiesen, dass Schüler/innen, die den Kindergarten länger als ein Jahr besucht haben, bessere Lesekompetenzen vorweisen können. [x]

Gezielte Sprachförderung im Kindergarten wird als geeignete Möglichkeit gesehen, um den Spracherwerb und in weiterer Folge die Bildungschancen zu erhöhen. Sprache gilt als Grundlage für gelingende persönliche Entwicklung und eine erfolgreiche Teilhabe an der Gesellschaft und soll in diesem Sinne gefördert werden. [xi]

 

 

Quellen

 

[i] Ahrenholz, Bernt (2010, 67): Zweitspracherwerbsforschung. IN: Ulrich, W. (Hrsg.): Deutschunterricht in Theorie und Praxis (DTP). Baltmannsweiler: Schneider Verlag. S. 49-64.; Nauwerck, Patricia (2010, 472): Vorschulische Sprachbegegnung. IN: Ulrich, W. (Hrsg.): Deutschunterricht in Theorie und Praxis (DTP). Baltmannsweiler: Schneider Verlag. S.467-479.
[ii] www.sprich-mit-mir.at
[iii] Schweiger, Sophie (2010, 3): Der Kindergarten als Integrationsinstanz? Über die Bedeutung des Kindergartens für Kinder mit Migrationshintergrund. Österreichischer Integrationsfonds.
[iv] Rössl, Barbara (2011, 5): Spracherwerb im Kindesalter. IN: Breit, Simone (Hrsg.): Handbuch zum BESK-DaZ Version 2.0. Beobachtungsbogen zur Erfassung der Sprachkompetenz in Deutsch von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache. Salzburg: Zentrum für Bildungsmonitoring & Bildungsstandards.
[v] Rössl 2011, 6 [vi] Rössl 2011, 6
[vii] Hartmann et. al. 2009, 15
[viii] Lamparter-Posselt, Margarete und Jeuk, Stefan (2010, 157): Deutsch als Zweitsprache im Kindergarten. IN: Ulrich, W. (Hrsg.): Deutschunterricht in Theorie und Praxis (DTP). Baltmannsweiler: Schneider Verlag. S. 149-162; Nauwerck 2010, 467
[ix] Lütje-Klose, Birgit (2009, 29): Prävention von Sprach- und Lernstörungen. IN: Dirim, ?nci und Mecheril, Paul (Hrsg.): Migration und Bildung. Soziologische und erziehungswissenschaftliche Schlaglichter. Münster: Waxmann Verlag.
[x] Schweiger (2010, 6):
[xi] Mannhard, Anja und Braun, Wolfgang (2008, 19): Sprache erleben – Sprache fördern. Praxisbuch für ErzieherInnen. München: Ernst Reinhardt Verlag.