Bazon Brock: „Einheit wird geschaffen durch das Anerkennen von Unterschiedlichkeit“

Der deutsche Philosoph im ÖIF-Gespräch über gesellschaftlichen Zusammenhalt, kulturelle Einheit und europäische Grundprinzipien.

ÖIF-Direktor Franz Wolf (links) und Philosoph Bazon Brock (rechts) beim Podiumsgespräch im Leopold Museum.

Journalistin und Theologin Renata Schmidtkunz (rechts) moderierte das Podiumsgespräch.

© Hannah und René

Am 15. Oktober 2019 sprach der deutsche Philosoph Bazon Brock auf Einladung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) in Wien über den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und die kulturelle Einheit in Europa. Moderiert wurde das Podiumsgespräch im Leopold Museum von der Ö1-Journalistin und Theologin Renata Schmidtkunz. Bazon Brock, der drei Jahre lang an der Universität für angewandte Kunst in Wien gelehrt hatte, wurde im Jahr 2017 mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse ausgezeichnet. Gemeinsam mit Philosoph Peter Sloterdijk entwickelte er einen Studiengang für Bürger als Wähler, Patienten, Konsumenten und Kunstrezipienten an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

Brock: „Regeln als Kern jeder Zivilisation“

„Kulturen sind spezifische Beziehungsgeflechte zwischen Menschen zur Garantie von Verbindlichkeit in den Beziehungen. Verbindlichkeit vor allem in der Erwartung, wie andere auf mich und meine Handlungen oder Entscheidungen reagieren“, so Brock. Anhand dieser Annahme könne jeder Einzelne seine Handlungen bewusst setzen, sie aber verändern oder korrigieren. Wenn viele Kulturen zusammenleben sollen, müssten laut Brock ausnahmslos alle Menschen gegebene Regeln anerkennen. Diese Regeln seien der „Kern jeder Zivilisation“.

„Europäische Tradition ist eindeutig“

„Einheit durch Verschiedenheit ist für mich das Grundprinzip, auf dem die Europäische Union basiert“, so der deutsche Philosoph Bazon Brock. Die Sicht auf die europäische Einheit verlange für Brock im Gegensatz zur Vorstellung vom US-amerikanischen „Melting Pot“ das Verständnis für Einheit durch Verschiedenheit: „Ich muss permanent das anerkennen, von dem ich mich unterscheide. Denn nur durch die Anerkennung der Unterschiede zwischen den einzelnen Nationalstaaten kann sich ihre Einheit entwickeln. Die Basis der Einheit ist der Vergleich.“

Das sei es auch, was man in Europa in Bezug auf die Integration von Flüchtlingen und Zuwander/innen noch lernen müsse: „Wichtig ist das Wissen um unser Gegenüber. Wenn wir mit unserer christlichen Prägung in Europa Muslim/innen oder Angehörige anderer Religionen integrieren möchten, müssen wir möglichst viel über Gemeinsamkeiten, aber vor allem über Unterschiede wissen.“ Wenn sich alle Mitglieder einer Gesellschaft auf eine gemeinsame Basis wie den rechtsstaatlichen Rahmen einigen, dann sei ein friedliches Zusammenleben möglich.

In diesem Zusammenhang warnte Brock im Rahmen des ÖIF-Podiumsgesprächs vor einem blauäugigen Vertrauen in Ideologien, die oft inhaltslos seien. Die eigentlich relevante Frage sei, ob eine Entscheidung das Leben befördere oder nicht. „Auch in der Geschichte sehen wir klar, dass sich die Schwachen nur durch Gewalt und Zerstörung Geltung verschaffen.“

Verlust von Verbindlichkeiten als Herausforderung für das Zusammenleben

Damit das Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft funktionieren kann, müsse man laut Brock jene, die anders sind, in ihrer Andersartigkeit anzuerkennen. „Ich muss die anderen anerkennen, als diejenigen, die für mein Leben wichtig sind, weil sie meine ,Gegner‘ sind, weil sie anders sind als ich“, so Brock. „Um eine persönliche Identität zu entwickeln, müssen wir möglichst viel über den anderen wissen, um uns von ihm abgrenzen zu können. Gesellschaftlicher Zusammenhalt besteht also aus der Fähigkeit, jene, die anders sind als ich, in ihrer Andersartigkeit würdigen. Nur so kann ich meine eigene Identität behaupten.“ Eine Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt stellt für Brock der Verlust der Verbindlichkeiten innerhalb einer Gesellschaft dar: „Wenn wir das Vertrauen in unser Gegenüber verlieren – sei es in der Politik, der Wirtschaft oder auch innerhalb der Familie –, dann bricht alles zusammen“, betont Brock. Was uns jedoch zusammenhalte, sei eben die Orientierung auf gemeinsame Werte, die niemand leugnen oder durchbrechen könne.

ÖIF-Veranstaltungen zum Nachschauen

Der Österreichische Integrationsfonds lädt regelmäßig Wissenschaftler/innen, Autor/innen, Historiker/innen und Philosoph/innen zu Podiumsgesprächen und Lesungen, um aktuelle Entwicklungen in der Integration aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Zuletzt zu Gast waren etwa Philosoph Peter Sloterdijk, Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Assmann oder Frauenrechtlerin Leyla Hussein. Die Podiumsdiskussionen zum Nachsehen in voller Länge sind in der ÖIF-Mediathek unter www.integrationsfonds.at/mediathek abrufbar.

Nächstes ÖIF-Gespräch zu „Islam und Integration an Schulen“

Am Montag, den 21. Oktober 2019 findet ein weiteres ÖIF-Podiumsgespräch in Wien statt: Der deutsche Journalist und Bestseller-Autor Constantin Schreiber, der in seinem jüngsten Werk „Kinder des Koran“ der Frage nachgeht, welches Weltbild junge Muslim/innen im arabischen Raum vermittelt bekommen, und Susanne Wiesinger, Ombudsfrau für Wertefragen im Bildungsministerium, sprechen mit Carla Amina Baghajati (Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich) und Elif Medeni (Leitung des Instituts Islamische Religion der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems). Alle Informationen und Details zur Veranstaltung finden Sie unter www.integrationsfonds.at/veranstaltungen