Zwei Führungskräfte, zwei Töchter im Alter von zwei und zwölf Jahren und eine gemeinsame Verantwortung: Barbara Stewart und Julia Rothbauer leiten gemeinsam das Team Wissensmanagement und Internationales beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF). Das Modell der Co-Leitung ermöglicht ihnen, Führungsverantwortung zu übernehmen und gleichzeitig Zeit für ihre Familien zu haben. Im Gespräch erzählen sie, wie sie Aufgaben und Entscheidungen teilen, was ihnen die Zusammenarbeit erleichtert und wo die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch mit guter Organisation herausfordernd bleibt.
Was hat euch bei der Entscheidung, eine Führungsaufgabe zu übernehmen, beschäftigt – insbesondere mit Blick auf eure Familie?
Barbara Stewart: „Ich bin seit 16 Jahren beim ÖIF und habe bereits als Julias Stellvertreterin Führungsverantwortung übernommen. Der Schritt zur Co-Leitung nach ihrer Rückkehr aus der Karenz war deshalb eine Weiterentwicklung unserer bewährten Zusammenarbeit. Mir war wichtig, die Aufgabe gut erfüllen zu können und zugleich genügend Zeit für meine Tochter zu haben. Auch wenn sie mit zwölf Jahren schon selbstständiger ist, möchte ich ihren Alltag begleiten und für sie da sein. Dass Julia und ich seit zehn Jahren gut zusammenarbeiten und uns aufeinander verlassen können, hat mir bei dieser Entscheidung Sicherheit gegeben.“
Julia Rothbauer: „Während meiner Karenz habe ich mich natürlich mit der Frage beschäftigt, wie mir der Wiedereinstieg in meine Führungsrolle gelingen würde. Mir war wichtig, weiterhin Verantwortung zu übernehmen und meinen eigenen Ansprüchen an gute Führung ebenso gerecht zu werden wie den Erwartungen meiner Vorgesetzten und meines Teams. Die Frage, wie man es schafft, dass weder die berufliche Aufgabe noch die Familie zu kurz kommt, ist, denke ich, eine der schwierigsten. Darüber hinaus war es mir wichtig, dem Team bestmöglich Stabilität und Kontinuität in der Führung zu geben. Das Modell der Co-Leitung war deshalb für mich eine tolle Lösung. Besonders wichtig war für mich, dass Barbara und ich bereits seit vielen Jahren eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Ich wusste, dass wir uns fachlich und persönlich gut ergänzen und Verantwortung gemeinsam tragen können. Dadurch war für mich der Wiedereinstieg mit einem guten Gefühl verbunden.“
Was ermöglicht euch die gemeinsame Leitung persönlich? Gibt es eine konkrete Situation aus eurem Alltag, an der das besonders deutlich wird?
Julia Rothbauer & Barbara Stewart: „Unsere Töchter sind zwei und zwölf Jahre alt – wir sind also in unterschiedlichen Familienphasen. Aber auch wenn die Kinder größer werden, bleibt es wichtig, Zeit für sie zu haben und ihren Alltag zu begleiten. Die gemeinsame Leitung ermöglicht uns, beruflich Verantwortung zu übernehmen und zugleich für unsere Töchter da zu sein. Wenn ein beruflicher Termin mit einer familiären Verpflichtung zusammenfällt, stimmen wir uns ab und können füreinander übernehmen. Das gibt uns Sicherheit – wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können.“
Wie organisiert ihr Zuständigkeiten, Erreichbarkeit und gegenseitige Vertretung, damit ihr euch aufeinander verlassen und Familienzeiten planen könnt?
Barbara Stewart & Julia Rothbauer: „Wir konnten auf der Aufgabenverteilung aufbauen, die wir schon als Leiterin und Stellvertreterin hatten. Jede von uns hat ihre Schwerpunkte, gleichzeitig halten wir uns gegenseitig auf dem Laufenden. So wissen auch die Teammitglieder, an wen sie sich mit welchem Thema wenden können, und wir können bei Abwesenheiten gut füreinander einspringen. Termine und unsere Verfügbarkeit stimmen wir möglichst frühzeitig ab. Vieles ist nach zehn Jahren Zusammenarbeit eingespielt. Trotzdem ist es wichtig, Absprachen bewusst zu treffen und offen anzusprechen, wenn sich etwas ändert. Ein weiterer Vorteil der Co-Leitung ist aus unserer Sicht, dass wir uns bei wichtigen Entscheidungen austauschen und unterschiedliche Perspektiven einbringen können. Davon profitieren nicht nur wir beide, sondern auch das Team.“
Wo bleibt Vereinbarkeit trotz guter Organisation herausfordernd – und welche Unterstützung ist dann entscheidend?
Julia Rothbauer & Barbara Stewart: „Herausfordernd wird es, wenn beruflich viel zusammenkommt und gleichzeitig in der Familie etwas Unvorhergesehenes passiert. Egal welches Alter – mit Kindern gibt es immer Situationen, in denen man kurzfristig gebraucht wird. Das lässt sich nicht immer im Voraus planen. Dann helfen flexible Absprachen und Menschen, die mittragen – im Team, unter Kolleg/innen und auch von Vorgesetzten. Wichtig ist für uns, offen sagen zu können, wenn es gerade eng wird, und gemeinsam eine Lösung zu finden. Auch die Möglichkeit zum Homeoffice kann vieles erleichtern.“
Was würdet ihr anderen Frauen mitgeben, die eine Führungsposition anstreben und sich fragen, wie diese mit ihrer familiären Situation vereinbar ist?
Julia Rothbauer & Barbara Stewart: „Wir würden anderen Frauen raten, sich die Aufgabe zuzutrauen und frühzeitig darüber zu sprechen, welche Rahmenbedingungen sie dafür brauchen und ob diese möglich sind. Gute Planung ist entscheidend. Gleichzeitig gibt es immer Terminverschiebungen und Unvorhergesehenes – deshalb muss man flexibel bleiben. Damit das im Alltag gelingt, braucht es aber vor allem die Akzeptanz und Unterstützung der Vorgesetzten, der Kolleg/innen und des Teams.
Für eine erfolgreiche Co-Leitung sind aus unserer Sicht eine offene Gesprächsbasis und das Vertrauen, sich aufeinander verlassen zu können, die wichtigsten Voraussetzungen. Wenn man so eng zusammenarbeitet, hilft es außerdem, sich auch persönlich gut zu verstehen. Und Humor gehört für uns unbedingt dazu. Verantwortung zu teilen, ist für uns eine Stärke: Wir bringen beide unsere Erfahrung ein und ermöglichen einander, beruflich zu gestalten und für unsere Familien da zu sein.“
Beruf und Familie vereinbaren: ÖIF setzt auf familienfreundliche Arbeitsbedingungen und Entwicklungschancen
Der ÖIF setzt gezielt Maßnahmen, um Mitarbeiter/innen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern und berufliche Entwicklung auch mit familiären Verpflichtungen zu ermöglichen. Seit 2021 ist der ÖIF mit dem staatlichen Gütesiegel „berufundfamilie“ ausgezeichnet, 2024 wurde die Zertifizierung erneuert. Zu den familienbewussten Maßnahmen zählen unter anderem Karenziertentreffen, ein bundesweiter Familientag sowie die Möglichkeit, Kinder in Notsituationen an den Arbeitsplatz mitzunehmen.
Dass Frauen beim ÖIF berufliche Verantwortung übernehmen und Entwicklungsmöglichkeiten nutzen, zeigt sich auch in den Zahlen: 66 Prozent der Mitarbeiter/innen und 57 Prozent der Führungskräfte sind weiblich. Mit einem Mentoringprogramm und einem Nachwuchsführungskräfteprogramm fördert der ÖIF seit 2022 gezielt die berufliche Weiterentwicklung seiner Mitarbeiter/innen. Flexible Arbeitsmodelle und familienbewusste Rahmenbedingungen tragen dazu bei, dass berufliche Entwicklung, die Übernahme von Leitungsaufgaben und familiäre Verantwortung miteinander vereinbar sind.