01 Verschleierung im Islam

Perspektiven Integration

„Im Mittelpunkt der Debatte sollte der Mensch mit seinen Rechten stehen.“

Interview mit Zekirija Sejdini

Zekirija Sejdini wünscht sich eine differenzierte Debatte in Bezug auf ein Burkaverbot in Österreich. Er rät von einfachen „Lösungen“ für komplexe Probleme ab und fordert, dass im Mittelpunkt der Debatte der Mensch mit seinen Rechten sowie die Fundamente unserer Gesellschaft stehen sollten.

Befürworten Sie ein generelles Burka- bzw. Niqabverbot in Österreich?

Für eine sinnvolle Antwort müsste ich wissen, was mit einem Verbot bezweckt wird. Wenn damit die Radikalisierung bekämpft werden soll, halte ich das Verbot für kontraproduktiv – auch wenn der Gesichtsschleier meinem Menschenbild widerspricht. Wir sollten uns in der Auseinandersetzung mit Radikalisierung auf die Ursachen konzentrieren und nicht auf bestimmte Erscheinungsformen. Frankreich ist ein gutes Beispiel dafür, dass solche Maßnahmen keine positiven Auswirkungen auf die Auseinandersetzung mit Radikalisierung haben. Trotz des Burkaverbotes hat sich die Lage in Frankreich in den letzten Jahren verschlechtert. Auch wenn der Umgang mit Radikalität mühsam ist, sind wir als demokratische Gesellschaft herausgefordert, bessere Lösungen zu finden.

Können Sie nachvollziehen, warum dieses Thema die heimische Innenpolitik so sehr beschäftigt – obwohl nur eine Handvoll Frauen betroffen sind?

Jein. Kurzfristig können damit die Gemüter einiger beruhigt werden, langfristig jedoch kann es uns national und international schaden. Es ist mir bewusst, dass es leichter ist, über ein Problem zu reden, als es zu lösen. Trotz der großen Herausforderungen, die uns bevorstehen, würde ich dringend von einfachen „Lösungen“ für komplexe Probleme abraten. Außerdem müssen wir uns auch in schwierigeren Zeiten in unserer Vorgangsweise von all jenen unterscheiden, die unsere Werte nicht teilen. Die Auseinandersetzung mit Radikalisierungsprozessen bedarf, um wirklich erfolgreich zu sein und diese Menschen zurückzugewinnen, eines speziellen Programms. Es darf nicht vergessen werden, dass nicht die Radikalisierung an sich unsere Zukunft bestimmen wird, sondern unsere gemeinsame Antwort auf diese neue Herausforderung.

Glauben Sie, dass diese Debatte in Österreich differenziert geführt wird?

Ich wünschte, dass dies der Fall wäre. Leider sieht die Realität aber ganz anders aus. Speziell die Boulevardzeitungen haben einen dermaßen unreflektierten Zugang zu der ganzen Problematik, dass man sich ernsthaft Sorgen darüber machen muss, wie sie berichten würden, wenn, Gott bewahre uns, Österreich Ziel eines Anschlages mit Todesopfern wäre. Ein grauenhaftes Szenario, das uns hoffentlich erspart bleibt.

Was können die Muslime in Österreich machen, um zur Qualität dieser Debatte beizutragen?

Sie könnten zum Beispiel damit anfangen, dass die Medienarbeit in den Vereinen, aber auch innerhalb der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich professionalisiert wird. Außerdem gäbe es die Möglichkeit, in Kooperation mit anderen Institutionen Aufklärungsarbeit sowohl innerhalb als auch außerhalb der eigenen Gemeinde zu leisten.

Gab es Versäumnisse in der Öffentlichkeitsarbeit der Islamischen Glaubensgemeinschaft?

Natürlich. Öffentlichkeitsarbeit bedeutet ja nicht, sich immer nur dann zu Wort zu melden, wenn es einen terroristischen Anschlag gab. Dass sich nur eine einzige Person ehrenamtlich um die Öffentlichkeitsarbeit der Glaubensgemeinschaft kümmert, halte ich geradezu für fahrlässig. Das sage ich als jemand, der diese Aufgabe selbst zwei Jahre lang ausgeführt hat. 

Im Zuge dieser Diskussion wurde auch schon der Vergleich mit der Sklaverei gezogen: Man könne die Sklaverei in Österreich nicht zulassen – selbst dann, wenn sich jemand freiwillig versklaven lassen wollte. Was halten Sie davon?

Diese Denkweise ist ein Paradebeispiel dafür, wie man an komplexe Probleme nicht herangehen darf. Die Grundlage einer rechtlichen Handlung darf nicht das subjektive Empfinden einer Person oder Gruppe sein, sondern die Bestimmungen der allgemeinen Menschenrechte. Wenn wir damit anfangen, Menschen zu „befreien“, werden wir selbst schnell zu Sklaven der „Befreiungsidee“ und müssten somit jeden von etwas „befreien“, bis uns jemand von unserem Wahn „befreit“.

Was genau steht im Koran zum Thema Kopfbedeckung von Frauen?

Ich glaube, dass dieser Punkt einen entscheidenden Denkfehler aufdeckt. Die religiöse Legitimation darf meiner Meinung nach nicht Ausgangspunkt eines Verbotes – im Sinne der Rechtsprechung – sein. Denn es geht hier nicht um die Religion, sondern um den Menschen. In unserem Fall nicht um den Gesichtsschleier, sondern um den Menschen, der sich dahinter verbirgt, und um seine Rechte. So gesehen sollten wir uns eher damit befassen, ob ein Gesichtsverschleierungsverbot den Grundsätzen eines demokratisch-säkularen Rechtsstaates widerspricht und nicht, ob ein Schleier im Koran vorgeschrieben ist oder nicht. Im Mittelpunkt dieser Debatte muss der Mensch mit seinen Rechten stehen und nicht die religiösen Bestimmungen. Erst dann kann eine sachliche Debatte geführt werden.  

Verstehe, aber was steht denn nun im Koran darüber?

Das spielt in diesem Kontext nicht die geringste Rolle.

Warum nicht?

Weil es nicht um die Frage geht, ob etwas im Koran steht oder nicht. Sondern um die Frage, ob etwas im Widerspruch zu den Menschenrechten steht oder nicht. Was im Koran steht, ist nur für die Gläubigen verbindlich. Zudem ist es eine Frage der Auslegung. Manche sind der Ansicht, im Koran stehe nichts über Kopfbedeckung, andere wiederum finden darin eine Rechtfertigung für das Kopftuch, wiederum andere eine Rechtfertigung für die Burka. Unser Umgang mit Verschleierung kann sich nicht eins zu eins davon ableiten, was im Koran steht.

Glauben Sie, dass diejenigen, die ein Burkaverbot fordern, in weiterer Folge auch ein generelles Verbot von jeder Art von muslimischer Kopfbedeckung fordern könnten?

Das kann nicht ausgeschlossen werden. Denn wir wissen nicht, was die Grundlage des Verbotes ist. Und genau das macht es so gefährlich. Wenn einmal damit angefangen wird, ist schwer abzuschätzen, wohin das führen kann. Ich denke, dass eine klare Begründung vorgelegt werden muss, warum die Burka bzw. eine Gesichtsverschleierung verboten werden soll. Es ist falsch zu glauben, es gehe bei dieser Debatte nur um ein paar verschleierte Frauen. Für mich geht es eher um unsere Grundhaltung und um die Fundamente unserer Gesellschaft, auch im Sinne der Religionsfreiheit.

Kann man als Österreicher gegen das Tragen einer Burka sein und gleichzeitig gegen ein Burkaverbot?

Ich glaube, dass die Stärke einer demokratischen Gesellschaft genau darin liegt, etwas nicht zu verbieten, was einem selbst nicht gefällt, aber den Menschenrechten nicht widerspricht. Das unterscheidet uns auch von Gesellschaften, die andere Lebensformen nicht akzeptieren. Ich selbst zum Beispiel gehöre auch zu jenen, die mit der Vollverschleierung nichts anfangen können. Trotzdem zweifle ich an der Zweckmäßigkeit eines Verbotes. Nicht, weil ich für die Burka bin, sondern weil ich nicht glaube, dass ein Verbot das Problem in unserem Kontext lösen kann.

Können Sie den grundsätzlichen Argwohn der Österreicher gegenüber voll verschleierten Frauen verstehen? Viele argumentieren ja, dass das Gesicht und die Mimik zu einer Konversation unbedingt dazugehört. Andere wiederum meinen, dass sich unter einer Burka auch ein Mann verstecken könnte.

Meiner Auffassung nach haben die Ängste und Sorgen der Menschen weniger mit der Burka an sich zu tun, sondern eher mit dem, was die Burka heute symbolisiert. In diesem Punkt kann ich die Ängste und Sorgen der Menschen verstehen. Aber es geht weniger darum, ob unsere Ängste berechtigt sind oder nicht, sondern ob unsere Antwort auf die Herausforderung berechtigt und produktiv ist oder nicht. Leider müssen wir immer öfter zur Kenntnis nehmen, dass radikale Gruppierungen die Deutungshoheit über vieles übernommen haben, sodass wir heutzutage nicht selten auch vor der bloßen arabischen Schrift, die einst für ihre Schönheit bewundert worden ist, Angst bekommen könnten, weil heutzutage die arabische Sprache und Schrift fast ausschließlich mit Terror in Verbindung gebracht werden.

Was würde Ihrer Meinung nach ein Burkaverbot bringen? Würden die betroffenen Frauen nur noch zu Hause bleiben oder würden sie die Burka ablegen, um das Haus zu verlassen?

Es ist schwer, die konkreten Auswirkungen eines Burkaverbotes in einzelnen Fällen abzuschätzen. Ich gehe aber davon aus, dass die Auswirkungen von Fall zu Fall unterschiedlich ausfallen werden. Es hängt sehr von der Motivation der betroffenen Personen ab. Geht man jedoch davon aus, dass sich diese Menschen aus religiösen Gründen für die Gesamtverschleierung entscheiden, würde mich als Reaktion eine zusätzliche Isolation und Radikalisierung nicht verwundern. Sie würden sich in ihrer These, der Westen würde den Islam bekämpfen, bestätigt fühlen und diese für ihre Propaganda nutzen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Signalwirkung eines möglichen Verbotes für die gesamte Gesellschaft. Ich glaube, dass diese Frage unzureichend diskutiert wird, aber weitreichendere Folgen haben kann als die Reaktion der betroffenen Personen.

Was sagen Sie zu den Leuten, die damit argumentieren, dass ein Burkaverbot vielen Frauen den Rücken stärken würde, weil sie dann eine Begründung gegenüber ihren Männern hätten, die Burka abzulegen?

Ich würde mich eigentlich freuen, wenn das stimmen würde. Doch leider ist das ein Wunschdenken, das auf einer falschen Prämisse gründet, wonach die Burka nur unter Zwang getragen wird. Auch wenn dies in einigen Fällen sicherlich zutrifft, kann dies nicht verallgemeinert werden, da es sicherlich viele gibt, die der festen Überzeugung sind, dass das Tragen der Burka zum Bestandteil ihres Glaubens gehört.

Die Mehrheit der muslimischen Frauen trägt keine Kopfbedeckung. Dennoch assoziiert man eine muslimische Frau sehr stark mit Kopfbedeckungen. Woran liegt das?

Es gibt mehrere Faktoren, die das begünstigen. Einerseits sind sicherlich einige Medien mitverantwortlich, weil sie das Bild der Kopftuch tragenden Frau als Stereotyp verwenden. Andererseits sind auch muslimische Organisationen für die Stigmatisierung mitverantwortlich, da sie bewusst oder unbewusst diese Vielfalt ausblenden und sehr darauf achten, nur durch Kopftuchträgerinnen vertreten zu werden.

Zekirija Sejdini ist der erste Lehrstuhlinhaber für islamische Religionspädagogik an der Universität Innsbruck. Er studierte in Kairo, Istanbul und Heidelberg und war zuvor u. a. Fachinspektor für islamischen Religionsunterricht in Wien.

 

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