Neuer ÖIF-Forschungsbericht: Flüchtlinge finden im ländlichen Raum eher Arbeit / Weibliche Flüchtlinge deutlich seltener erwerbstätig
Welche Zuwanderergruppen bleiben langfristig in Österreich und wie rasch finden sie Arbeit? Im Auftrag des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) analysierten Migrations- und Bevölkerungsforscher Univ.-Prof. Dr. Rainer Münz und Synthesis Forschung die Erwerbsverläufe von Flüchtlingen, Drittstaatsangehörigen und EU-Bürger/innen in Österreich. Die Studie analysiert die Integration von Zuwanderungsgruppen über zehn Jahre hinweg und zeigt, dass sich Aufenthaltsdauer, Arbeitsmarktintegration und Binnenmobilität deutlich nach Herkunftsgruppen und Zuwanderungszeitpunkt unterscheiden. Der vollständige Forschungsbericht mit Detailergebnissen zu allen analysierten Zuwanderungsgruppen steht auf der ÖIF-Website zum Download zur Verfügung.
8 von 10 männlichen Flüchtlingen arbeiten nach acht bzw. neun Jahren – aber nur 4 von 10 weiblichen Flüchtlingen
Die Ergebnisse zeigen, dass unter Asyl- und subsidiär Schutzberechtigten der letzten 10 Jahre die Erwerbsintegration von Männern deutlich häufiger gelang als jene von Frauen: Unter männlichen Flüchtlingen, die 2015/16 nach Österreich kamen und im Land blieben, waren nach fünf Jahren 53 % und nach acht bzw. neun Jahren rund 77 % zumindest 90 Tage beschäftigt. Das entspricht etwa dem Durchschnitt von Männern aus anderen Drittstaaten. Von den weiblichen Flüchtlingen, die damals kamen, waren hingegen nach fünf Jahren 18 % und nach acht bis neun Jahren rund 40 % erwerbstätig. Bei jenen, die später kamen, erfolgte die Erwerbsintegration rascher, aber auch da blieben die Erwerbsquoten von Frauen mit Flüchtlingsstatus unter jenen der Männer.
Große Unterschiede bei der Erwerbsintegration nach Herkunft
Syrischen Männern gelang der Einstieg in die Arbeit zunächst schneller, langfristig erreichen jedoch afghanische Männer höhere Erwerbsquoten. Unter den Frauen integrieren sich afghanische Frauen etwas schneller in das Erwerbsleben als syrische Frauen. Somalische Frauen, die 2015/16 ins Land kamen, hatten die geringste Erwerbsbeteiligung – von ihnen sind nach acht bzw. neun Jahren nur 33 % im Mindestmaß von 90 Beschäftigungstagen pro Jahr erwerbstätig. Von den ukrainischen Staatsangehörigen, die 2022 in Österreich Schutz erhielten, waren zwei Jahre später 35 % der Frauen erwerbstätig. Bürger/innen anderer EU-Staaten die 2015/16 ins Land kamen, waren im Jahr nach der Zuwanderung bereits zu rund drei Vierteln (75 %) beschäftigt. Auch Drittstaatsangehörige (ohne Flüchtlingsstatus) waren nach fünf Jahren zu 70 % und nach acht bis neun Jahren zu 78% erwerbsintegriert.
Wie rasch werden Flüchtlinge in Österreich erwerbstätig?
Erwerbsquote der im Jahr 2015/2016 Zugewanderten, jeweils x Jahre nachher
Wohnort und Binnenmobilität spielen bei Erwerbschancen und Einkommen von Flüchtlingen eine wichtige Rolle
Viele Flüchtlinge, die zunächst in kleineren Städten oder ländlichen Regionen untergebracht waren und in Österreich blieben, übersiedelten später in urbane Räume – häufig nach Wien. Von jenen, die 2015/16 ursprünglich im ländlichen Raum untergebracht waren und in Österreich blieben, zogen 42 % nach Wien und weitere 38 % in andere urbane Regionen, während nur 13 % dauerhaft in derselben ländlichen Region blieben. Von den Flüchtlingen der Jahre 2015/16 mit Erstwohnsitz in Wien blieben hingegen 89 % in der Bundeshauptstadt.
Wohin ziehen Flüchtlinge im Laufe der Jahre in Österreich?
Mobilitätsverhalten von Asyl- und subsidiär Schutzberechtigten in Österreich
Anmerkungen: Von den 83.360 Asyl- und subsidiär Schutzberechtigten, die 2015/2016 nach Österreich kamen und Asyl beantragten, waren 2024 noch 43.773 Person in Österreich. Die Einteilung der Regionen orientiert sich an der "Urban-Rural-Typologie" der Statistik Austria, wobei Wien als Ballungszentrum aus methodischen Gründen gesondert betrachtet wurde.
Für die Erwerbsintegration von Flüchtlingen spielen Erstwohnsitz und Binnenmobilität innerhalb Österreichs eine wichtige Rolle: Flüchtlinge, die 2015/16 in Wien untergebracht wurden oder später in die Bundeshauptstadt übersiedelten, erreichten bis 2024 Erwerbsquoten von rund 56 % bis 61 %. Deutlich höher lagen die Erwerbsquoten hingegen bei jenen, die in anderen urbanen, kleinstädtischen oder ländlich geprägten Regionen lebten oder dorthin zogen: Sie lagen zwischen 78 % und 86 %. Besonders hoch war die Erwerbsbeteiligung bei jenen Personen, die bereits 2015/16 in ländlichen Regionen untergebracht waren und dortblieben (85 %) oder später in ländliche Regionen übersiedelten (82 % bis 86 %). Auch beim Einkommen zeigt sich ein ähnliches Muster: Flüchtlinge, die in Wien lebten oder dorthin übersiedelten, erzielen im Durchschnitt deutlich niedrigere Einkommen als jene, die in anderen städtischen oder ländlichen Regionen tätig waren.
Umgekehrt verhält es sich bei der großen Mehrheit der regulär zugewanderten Erwachsenen. Sowohl jene aus anderen EU-Staaten als auch jene aus Drittstaaten ohne Flüchtlingsstatus verdienten in größeren Städten und insbesondere in Wien deutlich mehr als jene, die in ländlichen Regionen und Kleinstädten ihren Erstwohnsitz nahmen oder später dorthin zogen.
Syrer/innen bleiben häufig in Österreich, aber spätere Flüchtlingsjahrgänge wandern verstärkt weiter / EU-Bürger/innen bleiben seltener im Land
Ob Zuwander/innen langfristig in Österreich bleiben, variiert stark nach Herkunft und Zeitpunkt der Zuwanderung: Von den Personen, die im Jahr 2015/16 in Österreich Asyl beantragten, lebte nach acht bzw. neun Jahren noch etwas mehr als die Hälfte im Land. Besonders häufig blieben Syrer/innen sowie afghanische Frauen: Rund 8 von 10 lebten auch acht bzw. neun Jahre nach ihrer Ankunft noch in Österreich. Afghanische Männer verblieben hingegen deutlich seltener im Land (1 von 6). Bei späteren Zuwanderungsjahrgängen nahm die Weiterwanderung deutlich zu: Von Asylsuchenden des Jahres 2019 waren nach fünf Jahren bereits 55 % weitergezogen, von jenen, die 2022 Asyl beantragten befanden sich rund 70 % schon im Folgejahr nicht mehr in Österreich.
Bürger/innen anderer EU-Staaten bleiben überwiegend nicht in Österreich. Von jenen, die 2015/16 einwanderten, waren 2024 noch 36 % im Land. Bei den zur gleichen Zeit eingewanderten Drittstaatsangehörigen ohne Flüchtlingsstatus waren es 58 %.
Über die Studie
Die Studie „Erwerbsverläufe von Migrantinnen und Migranten“ wurde im Auftrag des ÖIF bereits zum fünften Mal auf Basis einer öffentlichen Vergabe von Synthesis Forschung unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Rainer Münz durchgeführt. Analysiert werden Erwerbsverläufe von Flüchtlingen, Drittstaatsangehörigen und EU-Bürger/innen aus den Zuwanderungsjahrgängen 2015/16, 2019, 2022 und 2023. Grundlage der Studie ist eine Panelanalyse auf Basis von Daten des Dachverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger, des Arbeitsmarktservice (AMS) sowie von Statistik Austria. Laut Definition des Berichts gelten Personen als erwerbsintegriert, wenn sie im jeweiligen Jahr 90 Tage als Mindestmaß selbstständig oder unselbstständig beschäftigt sind. Nach acht bis neun Jahren waren Flüchtlinge im Durchschnitt 277 Tage im Jahr beschäftigt.