01.09.2026, 15:38 Uhr

Klare Werte, gute Zusammenarbeit: Wie unterschiedliche Hintergründe im Team zum Vorteil werden

Seray Gülfirat verrät, wie Unternehmen Mitarbeiter/innen unterschiedlicher Herkunft erfolgreich integrieren, Potenziale nutzen und gute Zusammenarbeit im Arbeitsalltag fördern können.

Seray Gülfirat (Bereichsleitung Finanzen und Personal) © ÖIF / Olha Soldatenko

Der ÖIF steht nicht nur in seiner Arbeit für Integration, sondern vereint auch innerhalb der eigenen Organisation Mitarbeiter/innen mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen. © ÖIF/ Olha Soldatenko

Vielfältig zusammengesetzte Teams können Unternehmen neue Perspektiven, Erfahrungen und Kompetenzen erschließen. Damit daraus tatsächlich ein Vorteil wird, braucht es jedoch klare gemeinsame Werte und Regeln, verbindliche Erwartungen und eine gemeinsame Arbeitskultur. Beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) arbeiten Menschen aus mehr als 50 Herkunftsländern zusammen. Wie Unternehmen geeignete Mitarbeiter/innen gewinnen, Potenziale fördern, Konflikte konstruktiv lösen und eine gute Zusammenarbeit in vielfältigen Teams unterstützen können, erklärt Seray Gülfirat, Bereichsleiterin Finanzen und Personal beim ÖIF. 

Tipp 1: Nicht nur Lebensläufe prüfen, sondern Potenziale erkennen

Bei der Personalsuche geht es auch darum, den Menschen hinter dem Lebenslauf zu sehen und seine Stärken, Erfahrungen und Potenziale zu erkennen. Unsere Erfahrung zeigt: Ein Lebenslauf erzählt nie die ganze Geschichte.

Gerade bei Menschen mit Migrationshintergrund können Kompetenzen und Erfahrungen übersehen werden, wenn Bewerbungen zu starr nach klassischen Lebensläufen, Abschlüssen oder bisherigen Berufsbezeichnungen beurteilt werden. Deshalb lohnt es sich, neben formalen Qualifikationen auch Motivation, praktische Erfahrungen und Entwicklungspotenzial stärker zu berücksichtigen. Das bedeutet nicht, auf notwendige Qualifikationen zu verzichten, aber dort, wo Kompetenzen erlernbar sind, sollte der Lebenslauf nicht das einzige Kriterium sein.

Auch im Bewerbungsgespräch sollte deshalb nicht nur gefragt werden, ob bereits alle Anforderungen einer Stelle erfüllt sind, sondern auch, welche Stärken ein/e Bewerber/in mitbringt und wo es Entwicklungspotenzial gibt. Praxiselemente wie Schnuppertage, Probearbeiten oder praxisbezogene Übungen können dabei helfen, versteckte Fähigkeiten sichtbar zu machen. Gleichzeitig bieten sie Bewerber/innen die Möglichkeit, zu zeigen, was in ihnen steckt. Solche Praxiselemente können das Recruiting sinnvoll ergänzen, sollten aber nicht das einzige Auswahlkriterium sein. 

Tipp 2: Unterschiedliche Hintergründe als Normalität verstehen

In einer Gesellschaft, in der jede/r Vierte einen Migrationshintergrund hat, ist längst alltäglich, dass Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen zusammenarbeiten. Entscheidend ist, diese Unterschiedlichkeit als selbstverständlichen Teil des Arbeitsalltags zu verstehen und gleichzeitig eine gemeinsame, verbindende Unternehmenskultur zu fördern.

Gerade beim Onboarding entscheidet sich oft, ob aus unterschiedlichen Hintergründen ein funktionierendes Team wird. Neue Mitarbeiter/innen sollten von Anfang an wissen, welche Regeln und Werte im Unternehmen gelten, wie zusammengearbeitet wird und was von ihnen erwartet wird. Gleichzeitig können unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven einen Beitrag zur gemeinsamen Arbeit leisten.

Eine besondere Rolle kommt dabei den Führungskräften zu. Sie sollten unterschiedliche Voraussetzungen und Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter/innen im Blick haben und diese dort berücksichtigen, wo es betrieblich möglich und sinnvoll ist. Entscheidend bleibt, dass gemeinsame Regeln und Erwartungen für alle gelten und die Zusammenarbeit im Team im Mittelpunkt steht.

Tipp 3: Konflikte offen und respektvoll ansprechen

Wo Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven zusammenarbeiten, können auch Missverständnisse und Konflikte entstehen. Wichtig ist, diese nicht zu ignorieren, sondern frühzeitig und respektvoll anzusprechen. Eine offene Kommunikationskultur schafft die Grundlage dafür, Probleme frühzeitig zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Unternehmen können ihre Mitarbeiter/innen dabei gezielt unterstützen, etwa indem sie durch regelmäßige Seminare und Sensibilisierungsworkshops Mitarbeiter/innen die Möglichkeit geben, interkulturelle Kompetenzen weiterzuentwickeln und den konstruktiven Umgang miteinander zu stärken. Wenn Konfliktsituationen einmal nicht im Team gelöst werden können, kommt Personalabteilungen als Vermittler eine wichtige Rolle zu. 

Tipp 4: Mitarbeiter/innen individuell fördern 

Mitarbeiter/innen bringen unterschiedliche Kenntnisse, Erfahrungen und Stärken mit. Gute Personalentwicklung bedeutet, diese Potenziale zu erkennen und gezielt zu fördern – vom Nachwuchsführungskräfteprogramm und Mentoring bis hin zu Aus- und Weiterbildungen oder, wenn im Einzelfall erforderlich, einem Deutschkurs.

Entscheidend ist, Mitarbeiter/innen nicht nur zu gewinnen, sondern ihnen auch langfristige Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten im Unternehmen zu eröffnen. Wer Perspektiven schafft und vorhandene Potenziale gezielt weiterentwickelt, stärkt damit auch die langfristige Bindung von Mitarbeiter/innen an das Unternehmen.

Tipp 5: Interkulturelle Teams aktiv führen

Führungskräfte spielen eine zentrale Rolle dabei, ob die Zusammenarbeit in vielfältigen Teams gelingt. Klare Erwartungen, regelmäßiges Feedback und verbindliche Kommunikationsregeln schaffen Orientierung und helfen dabei, Missverständnisse zu vermeiden. 

Auch Führungskräfte können dabei unterstützt und gestärkt werden. Schulungen zu interkultureller Zusammenarbeit können für mögliche Herausforderungen sensibilisieren und konkrete Instrumente für den Führungsalltag vermitteln.

Gleichzeitig können Vorbilder innerhalb des Unternehmens zeigen, welche beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Best-Practice-Formate und gemeinsame Teambuilding-Aktivitäten schaffen zusätzlich Raum für Austausch und tragen dazu bei, persönliche Beziehungen über kulturelle Unterschiede hinweg aufzubauen.

Spitzenplatz beim Wiener Integrationsindex für den ÖIF

Vielfalt ist beim ÖIF auch Teil des eigenen Arbeitsalltags: Rund 60 % der Mitarbeiter/innen haben einen Migrationshintergrund, viele von ihnen sind selbst als Flüchtlinge nach Österreich gekommen. Die Mitarbeiter/innen des ÖIF setzen sich aus Menschen unterschiedlichster ethnischer, religiöser und sozialer Herkunft zusammen. Besonders deutlich zeigt sich dies auch in der Führungsstruktur des ÖIF: Beim ersten Wiener Integrationsindex erreichte der ÖIF unter mehr als 100 teilnehmenden Organisationen den ersten Platz und wies mit 71 % zudem den höchsten Anteil an Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund in Führungspositionen auf. 

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